Boutique-Konzept als Markenzeichen

Im Gespräch mit Roy Kahmann, dem Organisator der „Haute Photographie“, die vom 7. bis 10. Februar 2019 in Rotterdam stattfand
Dieses Bild von Marc de Groot war ein Verkaufsschlager auf der Haute Photographie. Ausstellungsfoto: Cornelia Ganitta

„Ich wollte es anders machen“, sagt Roy Kahmann, Leiter der Kahmann Gallery in Amsterdam. Zwei Jahre hintereinander hatte er den Versuch gestartet, eine neuartige Fotomesse in Amsterdam zu etablieren. Mit mäßigem Erfolg. 2015 lernte Kahman den Rotterdamer Unternehmer und Sammler Henk Roskamp kennen, der ihm vorschlug, es in Rotterdam zu versuchen. Da es bereits eine gute Zusammenarbeit mit dem Nederlands Fotomuseum bezüglich des Austauschs von Fotografen gab, war mit dem LP2 ein Raum direkt neben dem Museum schnell gefunden. Ein guter Zeitpunkt schien die Art Week im Februar zu sein, zu deren Ereignissen unter anderem die Art Rotterdam gehört. Internationale Presse und Sammler waren so vorprogrammiert. Seit 2016 nun zählt die Haute Photographie, die mehr „Boutique“ als Messe sein will, zu einem weiteren Highlight der Art Week – mit wachsendem Zulauf. Rund 60 Fotografen, vertreten durch 15 Galerien auf 1500 Quadratmetern, sind Garant für eine kleine, feine Messe mit Boutique-Charakter. Darunter junge Talente wie Lisette Appeldorn, Joost Termeer oder Bastiaan Woudt, ältere wie Julia Fullerton-Batten und Marc de Groot und schließlich alte Hasen wie Albert Watson und Thomas Hoepker.

Roy Kahmann, Kreativer Kopf der Schau, Foto: © Jeroen Hofman, courtesy Kahmann Gallery

Was ist der Unterschied zwischen einer klassischen Kunstmesse und der Haute Photographie?

Auf der Haute Photographie gibt es keine Stände mit Tischen, auf denen Computer stehen oder Bücher ausgelegt sind. Im Blickpunkt steht der Künstler, nicht die ihn vertretende Galerie. Wenn man auf eine Kunstmesse kommt, sieht man bei den Kojen als Erstes ein großes Schild „Galerie XY“ und dann ein paar Künstler. Bei uns hat der Künstler einen höheren Stellenwert. Wir wählen erst die Künstler aus und dann die Galerie. Und jeder Künstler hat seine eigene Wand. Die Haute Photographie ist museal gestaltet, mit Gängen, in denen hier und da Sitzgelegenheiten sind. So kann man sehr gut Leute beobachten und herausfiltern, wer zum Gucken kommt und wer zum Kaufen. Den Unterschied merkt man. Potenzielle Käufer brauchen nur Leute anzusprechen, mit einem roten Band um den Hals. Das war einer der wichtigsten Konzept-Punkte. Das zweite, was ich enorm vermisse bei herkömmlichen Kunstmessen, ist das Entdecken von Talenten. Es ist logisch, dass Galerien junge Talente nicht oder nur begrenzt mitnehmen, weil es sich finanziell nicht lohnt. Wenn ich für einen Stand 20.000,- Euro bezahlen muss und ich verdiene 200,- Euro an einem Werk, dann muss ich davon 100 Stück verkaufen, allein um den Stand zu bezahlen. Auf der Haute Photographie haben wir eine große Plattform für sechs junge Fotografen. Diese Sechs begleiten wir in den Kunstbetrieb. Sie werden von uns schon Monate vor ihrer Präsentation gecoacht. Coaching also nimmt eine große Funktion ein.

Ein wichtiger Part der Haute Photographie ist die Föderung von jungen Talenten. Wie werden diese ausgewählt?

Wir haben ein Team, das unter anderem aus Gastfotografen und unseren Medienpartnern besteht – allesamt Experten auf dem Gebiet der Fotografie. Zusammen sind es etwa acht Personen, die 350 Fotografen mit je 20 Einsendungen beurteilen – von Hochschul-Absolventen und solchen, die gerade auf den Markt gekommen sind. Von denen werden dann sechs ausgewählt. Daneben aber gehen wir auch auf Examens-Schauen, um dort neue Talente zu entdecken.

Welches ist eines dieser Talente, das hier aktuell ausgestellt ist?

Justine Tjallinks. Sie fotografiert erst seit ein paar Jahren und ist total inspiriert durch die Malerei des Goldenen Zeitalters. Seit fünf Monaten haben wir sie unter Vertrag. Justine hat in der Vergangenheit schon einige Male ausgestellt, aber was ich bislang bei ihr vermisst hatte, war der „finishing touch“. Wenn du eine Malerei aus dem 17. Jhd. aus ihrem Rahmen nimmst, ist sie lang nicht mehr so faszinierend. Ihre bisherigen Präsentationen waren inkonsequent. Irgendwas passte nicht. Die Formate waren nicht alle gleich. Das eine Bild war kleiner als das andere. Deshalb sagte ich ihr, die Rahmen müssten stimmen. Sie hatte nie ein gutes Coaching gehabt. Nach zwei Jahren des Experimentierens war der Funke übergesprungen. Auf der Kunstmesse in Bologna regnete es „warme broodjes“ (so viel wie: Geldregen).

Können Sie etwas über ihre Arbeitsweise verraten?

Justine arbeitet sehr aufwändig mit ausgewogenen Kompositionen. Sie überlässt nichts dem Zufall. Bevor sie beginnt zu fotografieren, macht sie ein Moodboard (Visualisierung einer Konzeptidee), mit genau dem, was sie haben will. Die Basis ist eine Malerei aus dem 17. Jahrhundert, dann geht sie auf die Suche nach geeigneten Leuten, die sie auf der Straße castet. Dann sucht sie nach der richtigen Kleidung, dem richtigen Hintergrund, den richtigen Farben. In dem Moment, wo jemand reinkommt, weiß sie genau, wie sie es haben will. Schließlich bearbeitet sie die Farben digital, sodass die Serie am Ende gleichwertig rüberkommt.

Apropos digital: Auf der Haute Photographie sind auch analoge Fotografen vertreten. Wohin geht der Trend?

Analog ist immer noch sehr „hot“. Wir stellen fest, dass viele junge Fotografen dahin zurückkehren mit eigener Dunkelkammer etc.. Wir haben ein paar Großmeister des Prints, wie Rutger Ten Broeke, der 75 ist oder Barry Kornbluh, der in seinen 60ern ist, die seit Jahren in der Dunkelkammer stehen. Die stellen wir den Jungen in Sachen analoger Fotografie beratend zur Seite. Auf der anderen Seite gilt Digital-Fotografie als sehr „sophisticated“ im Augenblick. Digital ist nach wie vor die Vorliebe vieler Fotografen. Grundsätzlich aber gehen beide Richtungen sehr gut miteinander.

Eines Ihrer besten Pferde im Stall ist der Belgier Stephan Vanfleteren…

Ja, unsere Zusammenarbeit hat vor circa 15 Jahren begonnen. Das ist langsam gewachsen. Ich bin von Haus aus Sammler, habe einiges von ihm gekauft und ihn so kennen gelernt. Erst hab´ ich seine Portraits ausgestellt, dann kam die Atlantic Wall-Serie über die Nazi-Relikte aus dem 2. Weltkrieg, danach „Engel des Meeres“ und nun ist es die Serie „Surf Tribe“, an der er 18 Monate gearbeitet hat. Sie handelt von unterschiedlichen Surf-Typen aus aller Welt.

Ein anderer Stern am Himmel Ihrer Galerie ist Paul Cupido, der in seiner Arbeit viel experimentiert.

Stimmt. Paul ist einer von dem ich denke, dass er sehr groß werden wird. Er ist jemand, der aus seiner Seele heraus fotografiert. Dabei geht es ihm nicht nur darum, Fotos zu machen. Er arbeitet mit verschiedenen Kameras, macht Fotogramme und bearbeitet nach, indem er Negative übereinanderlegt. Es sieht aus wie Fotografie, aber es ist viel mehr als das.

In welcher Weise?

Paul ist ein Bildmacher. Er gebraucht viele verschiedene Techniken. Im letzten Sommer arbeitete er als Artist in Residence in Brasilien. Dort hat er mit fotografischem Material Blätter in die Sonne gelegt. Dabei entsteht ein Bild. Das ist echte Bildsprache. Und da steckt eine enorme, innere Kraft hinter. Das kann man fühlen. Ich habe Paul erst drei Monate in der Galerie, aber schon geht die Nachfrage sprunghaft in die Höhe. Jede Galerie, die hier ist, will mit ihm arbeiten. Er ist 46, hat aber erst vor drei Jahren angefangen zu fotografieren. Seitdem legt er eine steile Karriere hin: 2017 Abschluss cum laude an der Photo Academy in Amsterdam, ein Jahr später vom GUP Magazin vorgestellt und im NEW-Jahrbuch als Dutch Photography Talent präsentiert.

Worin bewegt sich die Preisspanne, der auf der Haute Photographie angebotenen Fotografien?

Zwischen einigen Hundert und 30.000 Euro. Am teuersten sind die Vintages der Klassiker Helmut Newton und Robert Frank. Ich habe sie mal mitgebracht, aber ich weiß, dass die schwierig zu verkaufen sind in den Niederlanden. Holländische Sammler sind mehr an moderner Fotografie interessiert. Vintages hingegen laufen am besten in Amerika.

Zurzeit stellen im LP2 13 Galerien aus acht internationalen Städten aus. Auch über die Anzahl der Besucher kann das Ereignis nicht klagen. Bei mehr würde das LP2 aus allen Nähten platzen. Wollen Sie dennoch weiterwachsen?

In den Räumen hier geht nichts mehr. Das Konzept ist auch Boutique. Ich muss nicht zwei Mal so groß sein. Man kann hier alles sehen und entdecken ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Außerdem: Wenn man die Qualität hochhält, ist das sehr befriedigend. In den Städten, mit denen wir jetzt im Gespräch sind – in Stockholm sind wir 2020 zum 2. Mal, aber auch New York und Berlin haben wir im Auge – suchen wir stets nach Räumlichkeiten mit 1500 bis 2000 Quadratmetern. Nicht mehr. Wichtig sind Book-Store und Restaurant. Letzteres besonders. Gestern Abend zum Beispiel hatten wir Sponsorenabend. Einen guten Wein dabei, einen guten Sound, kurz eine gute Stimmung und schon hast du 20 Fotos verkauft.

2019 besuchten etwa 6000 Fotoliebhaber die Messe. An vier Tagen wurden fast 150 Werke für im Schnitt 2.500 Euro an sowohl private wie auch öffentliche Sammler verkauft. Die nächste Haute Photographie findet vom 5. bis 9.2.2020 in Rotterdam und vom 11. bis 13.4.2020 in Stockholm statt.

Interview vom 9.2.19, Adresse: LP2, Wilheminakade 326, Rotterdam, Internet: www.haute-photographie.com

Ausstellungsfoto: Cornelia Ganitta
„Überflieger“ Paul Cupido erklärt seine Werke. Im Hintergrund: Roy Kahmann, Foto: Cornelia Ganitta
Kandidatin der Talentschmiede: Lisette Appeldorn, Foto: Cornelia Ganitta
Auch draußen vor der Tür ist die Avantgarde zu Haus, Rem Koolhaas-Gebäude, Foto: Cornelia Ganitta