Das geballte Leben dieser Welt

Ungeschlagen: 1955 erstmals im MoMA gezeigt, gilt die Luxemburger Foto-Schau „The Family of Man“ bis heute als größte ihrer Art
© Nachlass von Garry Winogrand, freundlicherweise von Fraenkel Gallery, San Francisco

Ergänzender Artikel aus dem eigenen Bestand! Veröffentlicht: ZEITKUNST, 01-2014

Es war das Lebenswerk von Edward Steichen. Mit „The Family of Man“ setzte er sich und 272 weiteren Fotografen ein Denkmal. Der Liebe zu seinem Heimatland ist es zu verdanken, dass sich das wohl größte Fotoprojekt aller Zeiten als Dauerausstellung heute in einem der kleinsten Länder der Welt befindet. Nach Jahren des Wanderns durch 150 Museen hatte die Schau, die zwischen 1955 und 1964 von knapp zehn Millionen Menschen weltweit besucht wurde, im Großherzogtum Luxemburg ihre Heimat gefunden. Dass es hier wieder zu solchen Besucherströmen kommen würde, mochte schon seit der Schenkung durch den amerikanischen Staat Ende der 1960er-Jahre bezweifelt werden. Mehr Besucher als die paar Zehntausend, die sie im Schloss Clervaux nahe der luxemburgischen Hauptstadt bislang gesehen haben, wären ihr aber sehr zu wünschen. Die Ausstellung gehört seit 2003 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Sowohl das Schloss als auch die Fotografien wurden vor ihrer Wiedereröffnung im Juli vergangenen Jahres drei Jahre lang aufwändig restauriert.

Die Zahlen sprechen für sich: Als Steichen, seinerzeit selbst gefeierter Fotograf und Kurator am Museum of Modern Art in New York, in den 1950er-Jahren die Ausstellung arrangierte, herrschte ein anderer Zeitgeist. Nie zuvor wurde ein derartiger Fokus auf das Genre Fotografie gelegt. Nie zuvor wurden so viele Fotografen – darunter Ikonen wie Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Robert Frank, Diane Arbus, David Seymour und Brassai – unter einem Dach vereint. Aus mehr als zwei Millionen Einsendungen von Profis und Amateuren, aber auch aus Sammlungen wählten der gebürtige Luxemburger und sein Assistent Wayne Miller 503 Fotos aus 68 Ländern aus. Fast drei Jahre dauerte dieser Prozess. Allein schon urheberrechtliche, versicherungstechnische und preisliche Gründe würden vergleichbare Ambitionen heutzutage scheitern lassen. Auch die jährliche Verleihung der WorldPress-Photo-Awards in Amsterdam reicht an diese Dimension nicht heran.

„And God said, let there be light“

Mit seinem Projekt wollte Steichen, der zweifacher Kriegsteilnehmer war, aus einer zutiefst humanistischen Überzeugung heraus ein Zeichen für Brüderlichkeit und Frieden setzen. In 35 Kapiteln wird die Geschichte der Menschheit als Spiegel dessen gezeigt, was die New York Times seinerzeit mit der „Universalität menschlicher Emotionen“ zusammenfasste. Das erste und zugleich größte Bild der Schau, das das Universum ablichtet, eröffnet diese Genesis mit dem Titel „And God said, let there be light“. Fortan bieten die Fotos von Geburt und Tod, von Arbeit und Not, von Hunger und Verzweiflung, aber auch vom geselligen Feiern und von der Liebe einen Zusammenschnitt all dessen, was die Menschen damals wie heute bewegte und bewegt. Bilder, die bis auf wenige Ausnahmen wie die Große Depression in den USA (Dorothea Lange, Ben Shan) und Nachkriegsdeutschland (Otto Hagel) die Zeitspanne von 1947 und 1952 umfassen und damit den Beginn des Kalten Krieges. Bilder, die teilweise sehr private Einblicke in Familienalben geben, wie das von Wayne Miller, der die Geburt seines Kindes und das schmerzverzerrte Gesicht seiner Ehefrau mit der Kamera festhält. Bilder, die tanzende Menschen zeigen und vor Lebensfreude nur so strotzen, wie die lachenden Frauen von Bob Schwalberg belegen. Doch auch Bilder von großer Einsamkeit (Jerry Cooke) und solche von unsäglichem Leid, etwa das von Al Chang, der verzweifelte Soldaten im Korea-Krieg fotografierte oder das der trauernden Frauen in Indien von Margaret Bourke-White.

Im Rausch einer längst vergangenen Fotografie

Trotz dieser großartigen Fotos sah sich Steichen auch der Kritik ausgesetzt. So demonstriere die Schau einen westlichen Blick, hieß es. Auch seien manche Fotos ihrem ursprünglichen Kontext entnommen. Tatsächlich gibt es Bilder, die Steichen in einen neuen Zusammenhang gestellt hat, indem er beispielsweise Ausschnitte präsentierte. Bei einem Foto macht er glauben, es handle sich um einen Minenarbeiter, der aus dem Schacht wie um Hilfe rufend nach oben schaut. Bei näherem Hinsehen jedoch fällt auf, dass der Mann lediglich die Ankunft des Aufzugs erwartet, der ihn wieder ans Tageslicht befördern soll. Auch das Mädchen, das beim Klavierspiel angestrengt den Blick nach oben richtet, sucht nicht den Erlöser am Horizont, sondern ist bemüht, die weiter oben platzierten Noten zu lesen. Angesichts der im digitalen Zeitalter ungleich höheren Manipulationsmöglichkeiten, sieht man über diese Unwägsamkeiten leicht hinweg. Bei der Fülle an schwarz-weißen Originalabzügen, die in Clerveaux den gleichen Parcours wie damals säumen, wähnt man sich trotz der Aktualität ihrer Motive im Rausch einer längst vergangenen Fotografie. Viele Aufnahmen variieren in der Größe, hängen dicht an dicht, zum Teil auch von der Decke herunter. Der Besucher sollte umhüllt, von allen Seiten direkt konfrontiert werden mit dem geballten Leben dieser Welt. Das letzte Bild mit der Nr. 503 stammt von dem Kriegsfotografen W. Eugene Smith. Es zeigt seine beiden Kinder von hinten, die im Wald dem Licht in der Ferne entgegen laufen. Sein Titel konkludiert die Hoffnung, das, was Steichen zukunftsweisend mit auf den Weg geben wollte: „A world to be born under your footsteps“.

“The Family of Man”, Schloss Clervaux, L-9712 Clervaux, Mi-So 12-18 h, Internet: www.steichencollections.lu

© Centre national de l’audiovisuel (CNA) / Romain Girtgen
Leon Levinstein, Paar in New York, 1952; © Howard Greenberg Gallery, NYC
Toni Frissell © Library of Congress, Washington D.C.
Jack Delano, Farm Security Administration; © Library of Congress, Washington D.C.