Ein Cliffhanger sondergleichen

Nach seinem Umbau präsentiert sich das Arnheimer Museum schöner und größer als zuvor
Museum Arnheim, Blick auf den neuen Seitenflügel und die "Tribüne", Foto: Jannes Linders

Veröffentlicht in: LUXEMBURGER WORT, 16.6.22

Zweifelsohne ist der neue, zum Teil freischwebende Seitenflügel das auffälligste Kennzeichen des Arnheimer Museums für Moderne Kunst, wenn nicht gar sein „USP“ (Unique Selling Point). Der Panorama-Blick aus dem Eckfenster auf den Rhein und seine Auen ist von hier aus einfach umwerfend! Schaut man angestrengt nach links, ist sogar die Innenstadt mir der Eusebius-Kirche sowie die legendäre Brücke von Arnheim zu erkennen. Ein risikoreiches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass sich der Ort an der Stelle aus einer Gletschermoräne der vorletzten Eiszeit vor circa 150 000 Jahren entwickelt hat und eine Lösung gefunden werden musste, um auf diesem Gestein überhaupt zu bauen. Nur durch den Einsatz einer Spezialtechnik aus dem Brückenbau ist es gelungen, das „unwirtliche“ Fundament zu umgehen. So wurde anhand einer Gleitbahn ein 750 Tonnen-Teil des Neubaus Zentimeter für Zentimeter nach vorne geschoben, sodass er nun zum Rhein hin 15 Meter frei über der Moräne schwebt. Ein für die Niederlande einzigartiger, echter „Cliffhanger“, wie Saskia Bak, seit 2015 Direktorin des Hauses, das Gebäude anlässlich seiner Wieder-Eröffnung Mitte Mai kommentierte. Bis dahin hatte der Neu- und Umbau des Museums – inklusive Architektenwettbewerb – sechs Jahre beansprucht und 23 Millionen Euro verschlungen.

Seit 7 Jahren dabei: Museumsdirektorin Saskia Bak, Foto: Eva Broekema
Phänomenale Aussichten, Foto: Cornelia Ganitta
Neu gestalteter Kuppelsaal, Foto: Cornelia Ganitta

Schlichter Klippenhänger

Nötig wurde der Umbau, da das Gebäude nicht mehr den modernen Klima- und Sicherheitsvorkehrungen und auch zeitgenössischen Publikumsbelangen entsprach. Aus der Rekrutierungsphase potenzieller Architekten gingen schließlich Benthem Crouwel Architects hervor, die auch schon für das Stedelijk Museum in Amsterdam, das Anne Frank Huis sowie den Rotterdamer Hauptbahnhof verantwortlich zeichneten. Gegen vier Mitbewerber konnte sich das Amsterdamer Büro durchsetzen. Seine Vision von einem „schlichten“ Klippenhänger überzeugte trotz der widrigen Umstände am meisten. Zur Unterscheidung auf den ersten Blick – dort altes Gebäude hier Neubau –, wurde die Flügel-Fassade mit 82 000 handgebrannten zehn Mal zehn Zentimeter kleinen, eisblauen und erdfarbenen Fliesen verkleidet, die an die eiszeitliche Geschichte der Lokalität erinnern sollen. Durch die Einwirkung des Lichts fügt sich das Gebäude harmonisch in die Natur ein.

Der Neubau weist eine weitere Besonderheit auf: die Treppe präsentiert sich wie eine Tribüne, auf der die Besucher auch ohne Museumsticket die Aussicht und den Garten genießen können. Im Innern des Gebäudes wurde die Ausstellungsfläche um 550 Quadratmeter auf jetzt etwas mehr als 1900 Quadratmeter erweitert. Von den großzügigen Sälen haben Besucher immer wieder einen weiten Blick auf Rhein und Betuwe, wie der hiesige Landstrich der Provinz Gelderland heißt. Der ursprüngliche Kuppelsaal aus dem 19. Jahrhundert bildet nun den zentralen Eingangsbereich des Gebäudes. Er wurde umfassend saniert und beherbergt auch das nach Pierre Janssen, einem der (populären) ehemaligen Direktoren benannten „Café Pierre“ und einen Museumsshop. Während der Renovierung des Saales wurden einige historische Elemente wiederhergestellt. Fenster gewähren überdies den Blick nach draußen. Über die Türen gelangt man nun direkt auf die Terrasse, auf der man seinen Kaffee umgeben von den Park-Skulpturen genießen kann.

Neu gestalteter Außenbereich mit Terrasse, Foto: Cornelia Ganitta
Kunst im Park, Foto: Cornelia Ganitta
Kunst im Park, Foto: Cornelia Ganitta
Kunst im Park, Foto: Cornelia Ganitta

Neorealistischer Schwerpunkt

Bekannt ist das Haus, das als Museum erstmals 1920 in Erscheinung trat (nachdem es im Ersten Weltkrieg als Flüchtlingslager und Garküche gedient hatte), vor allem für seine große Sammlung neorealistischer Kunst aus dem frühen 20. Jahrhundert, mit Werken von unter anderen Carel Willink, Pyke Koch oder Dick Ket, allesamt Vertreter des niederländischen Neo-Realismus. In der Vergangenheit hatte das Museum immer wieder Sonderschauen zur Neuen Sachlichkeit im Programm, so zum Beispiel zu Otto Dix im Jahr 2010. Anders als früher jedoch, wo die Dauerausstellung ihren fest angestammten Platz hatte, soll die Sammlung, die rund 25 000 Objekte umfasst, künftig in wechselnden Ausstellungen präsentiert werden. „Wir wollen die Werke in einem aktuellen, gesellschaftliche Fragen aufgreifenden Kontext zeigen“, so Saskia Bak. Die aktuelle Schau „Von links nach rechts“ markiert hierbei den Anfang. Darin geht es um den Einfluss politischer Polarisation auf Kunst und Künstlerkarrieren des Interbellums, der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Künstlern, die mehr rechts orientiert waren – wie Koch und Willink – werden solche gegenübergestellt, die wegen ihrer linkspolitischen Einstellung damals aus dem kunstgeschichtlichen Raster herausgefallen waren, darunter Harmen Meurs, Nola Hatterman und die Jüdin Berthe Edersheim, die Mitglied des sozialistischen Künstlerkreises war. „Nun, da auch unsere Gesellschaft von Polarisierung geprägt ist, ist es an der Zeit, auf die Hauptzeit des Neorealismus, die Zwischenkriegszeit, zurückzublicken, die auch von einem erbitterten politischen Klima geprägt war“ heißt es hierzu im Begleittext zur Ausstellung.

Flankiert wird die Haupt-Schau von zwei weiteren Ausstellungen. „Mindestens haltbar bis“ befasst sich mit der Frage, ob und wie Kunst einen Beitrag zu Fragen der Nachhaltigkeit leisten kann. Rund 200 Werke bezüglich der Ausbeutung des Planeten sind zu sehen, aus der eigenen Sammlung ebenso wie als Leihgaben. In „Open“ experimentiert das Museum mit neuen Techniken, die aufzeigen, Kunstwerke anders zu erleben – etwa inklusiv oder mit Virtual Reality-Brillen. Es ist angerichtet könnte man sagen: Die erwarteten 70 000 bis 100 000 Besucher (im Vergleich zu früher 60 000) jährlich, dürfen kommen.

Ausstellungen: „Von links nach rechts“ bis 23.11.22, „Mindestens haltbar bis“ bis 9.1.23 und „Open“ bis 1.1.24, Adresse: Museum Arnhem, Utrechtseweg 87, 6812 AA Arnhem, Di bis So, 11-17 Uhr, Eintritt: 15 Euro. Internet: www.museumarnhem.nl

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