Das Rietveld Schröder-Haus in Utrecht

Architektonisches Sinnbild der niederländischen Kunstströmung "De Stijl"
Rietveld Schröderhaus, Kollektion Centraal Museum, Foto: Stijn Poelstra

Nicht umsonst steht das Rietveld Schröder-Haus auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes – zusammen mit dem Wattenmeer und den Amsterdamer Grachten.

Man muss es ein wenig suchen. Kein Wegweiser führt hin zu dem Objekt, das am Ende der Prins Hendriklaan im Osten von Utrecht liegt, gut erreichbar mit dem ÖVPN, aber etwas außerhalb vom Zentrum. Auch sollte man sich vorher anmelden, da das Haus nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden kann. Einmal da, hat der Aufwand gelohnt: Schon von außen besticht die Optik durch eine weiße, dreidimensionale Flachdach-Komposition über zwei Etagen mit klaren Linien und großflächigen Fensterfronten, die den Blick zu den Auen schweifen ließen. Der Eingang befindet sich nicht zur Straße hin, sondern ebenfalls mit Blickrichtung zu der Polderlandschaft, die damals die Nachbarschaft des Hauses zierte.

Auch innen deutet alles auf eine Perle architektonischer Baukunst hin, gut erhalten, umhegt und gepflegt (man kommt nur in kleinen Gruppen mit Überschuhen hinein), wie es sich für ein unter Denkmalschutz stehendes Haus und UNESCO-Weltkulturerbe (seit 2000), gehört. Was sich einem eröffnet ist ein klug durchdachtes, rund 120 Quadratmeter umfassendes Wohnensemble, das der Familie Schröder bis Mitte der 80er Jahre als Zuhause diente. „Für 1925, dem Zeitpunkt seiner Fertigstellung, war dies ein sehr geräumiges Haus“, sagt der Guide, der an diesem Tag durch die Räume führt. „Damals wohnte eine Arbeiterfamilie zu zehnt auf einer Wohnfläche, die noch nicht einmal ein Viertel von dieser hatte“.

Gerrit Rietveld und Truus Schröder, Foto: Cornelia Ganitta

Entwurf eines Hauses samt Inventar

Erbauer des Hauses war Gerrit Rietveld (1888 bis 1964), vom Ursprung her Möbeldesigner und als solcher dem „De Stijl“ verbunden, einer Kunstströmung, die Theo van Doesburg gemeinsam mit Piet Mondrian bereits 1917 – zwei Jahre bevor sich das ähnlich ausgerichtete Bauhaus etablierte – ins Leben gerufen hatte. Sein berühmter Lattenstuhl aus dem Jahr 1918, den er nachträglich in den Mondrian-Farben Rot, Blau und Gelb kolorierte, ist Ausdruck dessen. Für Rietveld war es eine Herausforderung, erstmals ein Haus samt Inventar zu entwerfen, das in seinen Prinzipien der abstrakten Formensprache des Konstruktivismus entliehen war.

Modernes Raumkonzept geprägt durch Funktionalität

Möglich machte dies ein Auftrag von Truus Schröder, ihres Zeichens Innenarchitektin und Witwe, die nach dem Tod ihres Mannes 1923 auf der Suche nach einem neuen Haus für sich und ihre drei Kinder war. „Schlicht und einfach sollte es sein, flexibel, praktisch und hell. Forms follows function“, erzählt der Guide und weist auf eine Lampe hin: „An sich eine simple Industrielampe, aber so, wie sie in Höhe, Breite und Tiefe dreidimensional arrangiert ist, ist sie ein Statement des Architekten bezogen auf De Stijl“. Im ständigen Austausch mit der Bauherrin gelang Rietveld ein modernes Raumkonzept, das geprägt war durch Funktionalität und die Verwendung von Primärfarben neben weiß, schwarz und grau – auch das kennzeichnend für den neuen Stil.

Fotos: Cornelia Ganitta

Auf Wunsch von Truus wurde, wie nicht üblich für die damalige Zeit, der eigentliche Wohnbereich in den ersten ersten Stock verlegt, da man von hier aus den besten Blick auf die Polderlandschaft hatte. Verstärkt wurde diese Verbindung zur Natur durch zwei Eckfenster im Wohnraum („The invisible corner“), die im geöffneten Zustand den Eindruck vermittelten, als säße man draußen. Auch hatte fast jedes Zimmer einen Ausgang zu einem kleinen Balkon. Damit wurde der De Stijl-Utopie einer „universellen Harmonie von innen nach außen“ Rechenschaft getragen. Ein besonderes Highlight im Wohnraum waren die Schiebewände. Sie ermöglichten es, die einzelnen Schlafbereiche untereinander und zugleich den großen Wohnraum von den Kinderzimmern zu trennen, was ein Mindestmaß an Privatsphäre gewährleistete. Und noch ein Sahnehäubchen gab es: So standen hinter einer Schrankwand versteckt ein Grammophon und ein Filmprojektor. „Der Projektor wurde gezückt, wenn es mal wieder an der Zeit war, russische Revolutionsfilme von Sergej Eisenstein anzuschauen“, erklärt der Guide. „Avantgardistische Filme dieser Art unterlagen der Zensur und durften in den niederländischen Kinos nicht gezeigt werden“.

Best erhaltenes Bau-Denkmal der De Stijl-Bewegung

Im Parterre befanden sich die Küche und das Atelier des Architekten. Rietveld zog nach dem Tod seiner Frau in das Haus, in dem er an der Seite von Truus Schröder bis zu seinem Tod 1964 lebte. „Wir müssen helfen, das Leben zu vereinfachen und es von Überflüssigem zu befreien“, lautete seine Devise. Entsprechend war das ganze Haus mit kleinen Raffinessen wie Einbauschränken, Falttüren und Klapp-Mechanismen ausgestattet. Wenn vor der Haustür jemand klingelte, konnte die Familie vom ersten Stock aus mittels eines Sprachrohrs mit der Person unten kommunizieren. Eine Durchreiche von draußen ermöglichte es dem Milchmann, die gelieferte Milch gleich in der Küche abzustellen.

Ursprünglich hatte das Haus am Utrechter Stadtrand einen freien Ausblick auf Auen und Deiche. Davon ist heute keine Rede mehr, da seit den 1960er Jahren eine mehrspurige Schnellstraße in Sichtweite des Hauses verläuft. Wäre es nach Rietveld gegangen, wäre das Objekt aus diesem Grund abgerissen worden. Wie gut, dass er sich nicht hat durchsetzen können. Sonst wäre der Nachwelt das womöglich best erhaltene Bau-Denkmal des De Stijl abhandengekommen.

Adresse: Prins Hendriklaan 50. Im Haus daneben (Nr. 50a) befindet sich das Büro für die Anmeldung. Mi-So, 11-17 Uhr, Reservierung erforderlich. Führungen bis zu zwölf Personen. Auch online können Tickets erworben werden: www.centraalmuseum.nl. Die Site bietet zudem Zugang zum digitalen Rietveld Schröder-Archiv mit mehr als 8000 Zeichnungen, Briefen und Fotos, die das Paar gesammelt hatte. Bemerkenswert: Mit allein zehn seiner ikonischen Lattenstühle verfügt das Centraal Museum* über die größte Rietveld-Kollektion der Welt.

Weitere Informationen und Bilder im Internet unter:https://www.rietveldschroderhuis.nl/de/rietveld-schroederhuis?set_language=de

*Noch zu Lebzeiten überführte Truus Schröder das Haus in eine Stiftung, um das kulturelle Erbe sicherzustellen. Nach ihrem Tod 1985 wurde es komplett restauriert und unter die Ägide des Centraal Museums in Utrecht gestellt.