Zehn Jahre Hermitage in Amsterdam

VERLÄNGERUNG DER JUBILÄUMSSCHAU WEGEN CORONA AUSGESETZT!
Foto: Eva Bloem

Petersburg sehen und sterben.* So könnte der Wunsch vieler Kunstliebhaber lauten, die einmal in ihrem Leben eine der größten Kunstsammlungen der Welt sehen wollen, die Eremitage. Nur wenige allerdings wissen, dass sie für diesen Kunstgenuss von Deutschland aus gar nicht so weit reisen müssen. Seit nunmehr zehn Jahren verfügt Amsterdam über die bislang einzige Auslandsdependance des berühmten Museums, das hier „Hermitage“ heißt.

Russische Kunst im Herzen von Amsterdam

Eine schlichte Eleganz zeichnet das lichtdurchflutete weitläufige Haus aus, das mit 40 Millionen Euro in den Gemäuern eines ehemals diakonisch geführten Altenstifts direkt an der Amstel errichtet wurde. Im Juni 2009 ging das neue Museum gleich mit einem Blockbuster an den Start: 705 000 Besucher sahen die Eröffnungs-Schau „Aan het Russische Hof“, die das Palast-Leben im 19. Jahrhundert zum Inhalt hatte. Seitdem hat sich die Zahl auf rund 450 000 Besucher pro Jahr eingependelt. „Damit stehen wir im Ranking der Amsterdamer Kunstmuseen an fünfter Stelle nach dem Rijksmuseum, dem Van Gogh-, Stedelijk- und Amsterdam-Museum“, weiß Museumssprecher Martijn van Schieveen.

Foto: Eva Bloem

Während die Hälfte der insgesamt 4000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche und 48 Kabinette an das Amsterdam Museum und das Outsider Art Museum vermietet ist, wird die andere Hälfte mit Kunst aus dem russischen Mutterhaus bespielt. 2017 gab es die Ausstellung „Holländische Meister aus der Eremitage“, in der 63 Gemälde aus dem Goldenen Zeitalter noch einmal heimkehrten. Die hohe Anzahl beruht auf der langen Sammelleidenschaft des Zarenreichs. Angefangen hatte diese mit Peter dem Großen (1672-1725), der in jungen Jahren eine Zeitlang in Amsterdam lebte und bereits ein Händchen für Meisterwerke bewies. Erst 25-jährig kaufte er für 80 Gulden einen Rembrandt und legte damit den Grundstock für eine Sammlung, die später vor allem durch Zarin Katharina II (1729-1796) vorangetrieben wurde und in der Eremitage mündete. Heute sind allein rund 1500 niederländische Werke des 17. und 18. Jahrhunderts in dem riesigen Museumskomplex vereint.

Zwei Sonderschauen pro Jahr

Im Fokus des holländischen Ablegers stehen zwei jährlich stattfindende Sonderschauen, die thematisch mit dem Mutterhaus konzipiert werden. So bot die erste große Schau im Jubiläumsjahr („Schatzkammer“) einen Querschnitt aus 25 000 Jahren Kunstgeschichte mit Topstücken aus St. Petersburg. Alle Objekte wurden dabei erst mit einem LKW nach Finnland gebracht und dann nach Deutschland verschifft, von wo aus sie wiederum mit dem LKW die Weiterreise nach Amsterdam antraten. Ein nicht nur auf den Transport bezogenes aufwändiges Unterfangen: „Zwölf Kuratoren - so viel wie Eremitage Abteilungen hat - haben im Vorfeld darüber bestimmt, welche Werke nach Amsterdam gehen“, erzählt Ausstellungsleiterin Marlies Kleiterp. Solche Maßnahmen sind Bestandteil des Vertrages, der außerdem vorsieht: Ihr bekommt Werke und Expertise von uns, dafür erhalten wir einen Euro pro verkaufter Eintrittskarte (Normal-Tarif) zur Förderung unseres Hauses in St. Petersburg. „Es ist ein Geben und Nehmen. Die russischen Kollegen haben ein ungeheures Fachwissen, das im Übrigen auch in die Kataloge einfließt“, so Kleiterp. „Im Gegenzug dafür liefern wir Geld und modernes Ausstellungs-Knowhow bezogen auf Belichtung, Dramaturgie und Design“.

Uhr, Frankreich, Léonard Bordier, Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert. Gold, Silber, Emaille, Glas, Perlen, Ø 5,4 cm
Blumenbouquet, St. Petersburg, Jérémie Pauzié, 1740-50. Gold, Silber, Brillanten, Edelsteine, Glas, 14 x 12,5 cm

Eine Win-win-Strategie, auch angesichts der Tatsache, dass in den mehr als 350 Sälen der Eremitage „nur“ etwa 65 000 Exponate ausgestellt sind. Ein Bruchteil der insgesamt über drei Millionen Werk, die, wenn sie nicht gerade weltweit als Leihgaben unterwegs sind, in den Depots lagern. So macht es Sinn, dass wenigstens eine kleine Auswahl des enormen Bestands seit nunmehr zehn Jahren einen steten Abnehmer in Amsterdam findet. Und auch die hiesigen Kunstliebhaber, die sich für Ausstellungs-Highlights nicht extra auf den Weg nach Russland machen müssen, kommen auf ihre Kosten.

Preziosen im Überfluss

Den Abschluss des Festjahres bildet die millionenschwere, extravagante Schmuckkollektion des Stammhauses in St. Petersburg. Eingebettet in ein nachempfundenes „Ballsaal-Ambiente“ werden neben majestätischen Porträts und reich verzierten Kleidern, Schmuck, Hüte, Gürtel und andere Accessoires präsentiert, wie sie von den Romanows und dem russischen Adel des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts getragen wurden. Vom Achat bis zum Zirkonium sind fast alle Arten von Edelsteinen vertreten. Prunkstück ist ein Blumenbouquet, eine Brosche Kaiserin Elisabeths, die mit 400 Brillanten und 450 Diamanten im Rosenschliff sowie blauen und gelben Saphiren und Topasen besetzt ist. Auch die persönliche Schmuckschatulle von Katharina der Großen ist zu sehen. Drei Kilogramm bringt sie auf die Waage und ist mit fast 400 Edelsteinen, darunter echten Hinguckern wie Rubine, Smaragde und verschiedenen Kameen verziert.

Juwelen! Schitteren aan het Russische hof (Glänzen am Russischen Hof), 14.9.2019 bis 15.03.2020. VERLÄNGERT BIS 3. MAI! Hermitage, Amstel 51, Amsterdam. WEGEN DER CORONA-KRISE PAUSIERT DIE AUSSTELLUNG. DIE WIEDERERÖFFNUNG IST FÜR DEN 1. JUNI GEPLANT. Am besten man informiert sich im Internet über den weiteren Verlauf der Dinge: https://hermitage.nl/nl/. Einstweilen aber, kann man auch online "een kijkje nemen": https://hermitage.nl/nl/tentoonstellingen/open-online-juwelen/.

(*In Anlehnung an die neapolitanische Redensart "Neapel sehen und sterben". Nach Goethes italienischem Reisebericht: »Siehe Neapel und stirb!«)