SLAVERNIJ

Das Rijksmuseum begibt sich erstmals auf die Spuren der niederländischen Sklaverei
Ausstellungsansicht, © Rijksmuseum

Sklaverei ist untrennbar mit der niederländischen Geschichte verwoben. Rassismus-Debatte sei Dank befasst sich daher nun auch erstmals das Rijksmuseum in einer großen Ausstellung mit dem Thema „Sklaverei“. Die Schau mit dem gleichnamigen Titel präsentiert zehn wahre Geschichten über Sklavenhalter und Menschen, die in Sklaverei lebten, die als Sklave in die Niederlande geholt wurden oder aber Widerstand leisteten. Wie sah ihr Leben aus? Wie standen sie dem System der Sklaverei gegenüber? Waren sie in der Lage, eigenständige Entscheidungen zu treffen? Diesen Fragen geht die Ausstellung nach anhand von Objekten aus Privatsammlungen sowie aus nationalen und internationalen Museen wie dem Nationalen Museum für Weltkulturen der Niederlande, dem British Museum, der National Gallery of Denmark, dem Iziko Museum of South Africa, der St. Eustatius Historical Foundation, dem National Archeological Antropological Memory Management (NAAM) von Curaçao sowie den Nationalarchiven von Südafrika, Indonesien und den Niederlanden.

Anonymous, Enslaved Men Digging Trenches, c. 1850 Rijksmuseum, purchased with the support of the Johan Huizinga Fonds/ Rijksmuseum Fonds, 2013
Ausstellungsansicht, © Rijksmuseum

Kolonialzeit auf vier Kontinenten

Die Schau umfasst die niederländische Kolonialzeit vom 17. bis 19. Jahrhundert. Beleuchtet wird die transatlantische Sklaverei in Suriname, Brasilien und dem karibischen Gebiet, für das die niederländische Westindische Kompanie (WIC) zuständig war; und die niederländische koloniale Sklaverei in Südafrika und Asien, die die niederländische Ostindische Kompanie (VOC) zu verantworten hatte. Auch wie sich das System dieser Zeit auf die Niederlande auswirkte, wird unter die Lupe genommen. So entsteht ein breiter geografischer, zugleich aber auch unverkennbar niederländischer Eindruck, wie er noch nie zuvor in einem nationalen Museum präsentiert worden ist.

Valika Smeulders, Leiterin der Abteilung Geschichte Rijksmuseum, fasst es so zusammen: „Durch die Fokussierung auf zehn wahre Geschichten, bietet „Sklaverei“ einen Einblick, wie Individuen mit legalisierter Ungerechtigkeit fertig wurden“. Und Taco Dibbits, Generaldirektor Rijksmuseum ergänzt: „Das Rijksmuseum ist das Nationalmuseum für Kunst und Geschichte. Sklaverei ist wesentlicher Bestandteil unserer Geschichte. Indem wir uns eingehender damit befassen, können wir ein vollständigeres Bild unserer Geschichte erstellen und die heutige Gesellschaft besser begreifen“.

Sklaverei lebendig erzählt

Während der 250-jährigen Kolonialzeit wurden Menschen zum Eigentum und zu Objekten einer Verwaltung. Die Ausstellung beleuchtet die Lebensgeschichten von zehn Menschen aus jener Zeit, die jeweils ihre eigene Geschichte erzählen: Über das Leben in der Sklaverei, wie sie davon profitierten, über Aufstände und schließlich über die Freiheit. Menschen, die in Sklaverei lebten und Sklavenhalter, auch Personen, die sich von den Fesseln der Sklaverei befreiten, ein afrikanischer Diener in den Niederlanden und ein Amsterdamer Zuckerfabrikant. Mit einem Audioguide kann der Besucher die diversen Lebensgeschichten miterleben. Zu den Erzählern gehören Joy Delima, Remy Bonjasky und Anastacia Larmonie, die angesichts ihres eigenen Hintergrunds, jeweils eine Verbindung zu einer der zehn Personen haben.

Zur Vervollständigung der Geschichte werden Exponate gezeigt, die nie zuvor im Rijksmuseum zu sehen waren. Neben Kunstobjekten und Gemälden sind von Sklaven gehegte Gegenstände, aber auch auf den Plantagen eingesetzte Werkzeuge ausgestellt. Im Anschluss an die Schau laden die Künstler David Bade und Tirzo Martha vom Instituto Buena Bista aus Curaçao Besucher dazu ein, neue, von den Biografien inspirierte eigene Kunstwerke zum Thema „Look at me now“ zu schaffen.

Foto: Rijksmuseum

Zusammenarbeit

Ausstellung und Programmgestaltung basieren auf einer vielfältigen Zusammenarbeit zwischen Sachverständigen außerhalb des Museums, unter anderem Historikern, Experten für Kulturerbe, kulturellen Unternehmern, Künstlern, Theatermachern und Artisten.

Narrative Beratung
Jörgen Tjon A Fong

Denkfabrik
Reggie Baay, Raul Balai, Aspha Bijnaar, Mitchell Esajas, Karwan Fatah-Black, Martine Gosselink, Dienke Hondius, Wayne Modest, Ellen Neslo, Matthias van Rossum, Maurice San A Jong, Alex van Stipriaan, Jennifer Tosch, Urwin Vyent, Simone Zeefuik und Suze Zijlstra

Online-Schau
Das Rijksmuseum präsentiert die zehn Geschichten aus der Schau auch online (auf Niederländisch). Mit Bild- und Audiofragmenten, Animationen, einer Übersicht über die Ausstellungsräume sowie Objekten, die sich sehr detailliert betrachten lassen. In zehn Folgen können sich Besucher Sklaverei auf der Website anschauen, wann und wo es ihnen am besten passt: https://www.rijksmuseum.nl/nl/stories/slavernij

Anlässlich der Ausstellung veröffentlicht das Rijksmuseum gemeinsam mit dem Verlag Atlas Contact den Katalog „Slavernij“ (Sklaverei), ein reich illustriertes Buch auf Niederländisch und Englisch, das die Leben der zehn Personen beschreibt, die Teil der Sklaverei in der Kolonialgeschichte der Niederlande ausmachten.

Slavernij, vom 18.5. bis 29.8.21, Rijksmuseum Amsterdam, Museumstraat 1, 1071 XX Amsterdam, Internet: https://www.rijksmuseum.nl/nl, Ein Trailer gibt einen ersten Einblick in die Schau: https://bit.ly/3fBmFQe

 

Projekt Rijksmuseum &Sklaverei

Gut 70 Objekte der Dauerausstellung werden im Lauf des Jahres eine zweite Texttafel erhalten, auf der die bislang unsichtbare Beziehung zur Sklaverei während der Kolonialzeit erläutert wird. Von damaligen Machthabern bis hin zur Anwesenheit dunkelhäutiger Menschen sowie die Weise, wie sie dargestellt wurden. &Sklaverei ist nicht Teil der Ausstellung Sklaverei, wird aber gleichzeitig präsentiert. Die Texte finden Sie auch auf der Website. Die Rijksmuseum-App bietet Ihnen eine Route an den Objekten entlang.


EXTRA-TIPP: AUSSTELLUNG HAMBURG

Foto: MARKK Hamburg

Auch eine sehenswerte Schau im Hamburger Museum am Rothenbaum (MARKK) greift Kolonialismus, Rassismus und Erinnerungskultur auf. Sie erzählt die tragische, weithin vergessene Geschichte des jungen Königs Rudolf Duala Manga Bell (1873 bis 1914). Sie beginnt in Kameruns Hafenstadt Douala, wo der Thronfolger in die Seehändlerdynastie der Bells geboren wird, die der Handel mit Hamburger Kaufleuten reich machte. Doch die zunehmende Ausbeutung der neuen Herren aus dem Norden macht den Erben des Handelshauses zum Widerstandskämpfer, der schließlich hingerichtet wird. Kunstwerke, Artefakte, Fotografien und Dokumente machen sein Schicksal außergewöhnlich anschaulich und im Wortsinn "menschlich". 

HEY, KENNST DU RUDOLF DUALA MANGA BELL?, bis 31.12.21, Museum am Rothenbaum, Hamburg. Internet: https://markk-hamburg.de/ausstellungen/ (Der Katalog ist auch auf Englisch erschienen: HEY, DO YOU KNOW RUDOLF DUALA MANGA BELL?, ISBN: 978-3-944193-15-1)