Obdach für die Stones

© Gijsbert Hanekroot, Ernüchtert: Die Stones in München 1973

Erschienen in PHOTONEWS 12/2020

Die niederländische Stadt Groningen entwickelt sich zunehmend zu einer „Blockbuster-City“. Zeigte das Groninger Museum, das von Andreas Blühm, dem ehemaligen Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums geleitet wird - 2016 die großartige Retrospektive „David Bowie is“ – just zu der Zeit, in der die Pop-Ikone verstarb (10. Januar), sind es in diesem Jahr die Rolling Stones, die in der Schau „Unzipped“ die Herzen nicht nur eingefleischter Fans höher schlagen lassen. Coronabedingt allerdings wird das Museum den Besucherrekord (270.000) von damals nicht brechen können, zumal der vorgesehene Ausstellungsstart am 14. November erst einmal verschoben wurde. Aus London kommt diese erste internationale Schau der Rockband, die nach den USA und Asien, mit Groningen ihren Auftakt auf dem europäischen Festland nimmt. Mehr als 400 Objekte – persönliche Aufzeichnungen, Plakate, Kostüme, Plattencover, Alben, Instrumente, Fotos, selten oder nie gezeigte Filmaufnahmen – kurz: (fast) alles aus der Sammlung der Kultband wird präsentiert. 

Das wussten auch die Organisatoren vom Noorderlicht Fotofestival für sich zu nutzen. Gemeinsam mit der Stiftung Alte Groninger Kirchen gewähren sie den Alt-Stars in Der Aa-Kirche Obdach, wie der geniale Titel „Gimme Shelter“ verheißt. Mit Gottes Segen (für die Stones!) werden Fotos aus den ersten zwei Jahrzehnten des Bestehens der Band gezeigt, die einen intimen Blick hinter die Kulissen liefern. Fotos des Dänen Bent Rej (1940-2016) zum Beispiel, der von März 1965 bis Mai 1966 dem Tross der „Steine“ folgte. Als Freund und Vertrauter der Band erhielt er Carte Blanche für Fotos wie jenes, das die einstigen Pilzköpfe gesittet im Anzug auf ihrer Tournee durch Österreich zeigt. 

Rob Bosboom (1940-2017) war einer der ersten echten Popfotografen in den Niederlanden. Der Amsterdamer begleitete die Stones 1964 während eines Konzerts – es kommt noch schräger – im Haager Kurhaus, das völlig außer Rand und Band geriet. Sein fotografisches Werk befand der ehemalige Stones-Bassist Bill Wyman als „beste Stones-Serie, die ich je gesehen habe“.

Sein Kollege, der Niederländer Gijsbert Hanekroot (1945) war in den 1970ern Hoffotograf der namhaften Musikzeitschrift OOR - für die im Übrigen zeitgleich Anton Corbijn arbeitete. Aus dieser Zeit stammt auch sein Stones-Archiv, aus dem er eine exquisite Bild-Auswahl zur Verfügung stellt, z. B. jenes, das die Stones in München 1973 zeigt, beim geselligen Beisammensein mit Wasser und ohne Bier!

© Rob Bosboom, Die Stones - sittsam wartend - vor dem Büro des Veranstalters Paul Acket, 1964
© Claude Vanheye, Mick & Bianca Jagger, 9.10.1970

Ein weiterer Niederländer, Claude Vanheye (1948), der jüngste innerhalb dieser Fotografenszene, hatte ebenfalls in den 1970ern alle Musik-Stars der Welt vor seiner Kamera. Auf Fotos backstage und im Studio lässt er tief in das Leben jenseits des Auftritts blicken.

Neben Fotos werden auch unbekannte Film-Fragmente gezeigt, ein Interview mit Mick Jagger von 1997 sowie einige TV-Dokumentationen. Zum Beispiel die des Niederländers Nick Landman. Während hierzulande oft und staatstragend gefragt wird: „Wo warst du als die Mauer fiel?“, fragte er seine Freunde: „Wo warst du am 2. Juni 1999?“. Die meisten von ihnen wussten es noch: im Groninger Stadtpark beim Konzert der Rolling Stones.

GIMME SHELTER – The Stones in beeld, 19.11.20 bis 05.04.21, Der Aa-kerk, Akerhof 2, Groningen. Internet: www.noorderlicht.com

THE ROLLING STONES - UNZIPPED, 14.11.20 bis 28.03.21. Ticketreservierung unbedingt erforderlich, zumal von Zeitfenstern auszugehen ist. Internet: www.groningermuseum.nl    ... DERZEIT CORONA-BEDINGT BIS ZUM 9. FEBRUAR GESCHLOSSEN!
Auf Youtube lädt Mick Jagger - höchsterpersönlich - zu einem Tripp nach Groningen ein: 
https://www.youtube.com/watch?v=7oDxE_TAxtM

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