Kunst im Dienst der Wissenschaft

Neues Zuhause für Koen Vanmechelens Kosmo-Hühner in Genk
The Ark, Eingangsbereich LABIOMISTA, nach einem Entwurf von Mario Botta, Foto: Jeroen Verrecht, 2019

Genk. Biokulturelle Diversität und Identität sind die künstlerischen Themen des Belgiers Koen Vanmechelen. Nun konnte sich der renommierte Künstler und mehrfache Biennale-Teilnehmer einen Traum erfüllen. In Zwartberg, einem Vorort der flämischen Stadt Genk, hat er nach vierjähriger Entwicklungsphase im Juli sein Projekt LABIOMISTA der Öffentlichkeit vorgestellt. Für den 53-Jährigen ist LABIOMISTA weit mehr als ein Kunstprojekt. So ist der Künstler der Meinung, dass künstlerisch-wissenschaftliche Projekte Bereiche erschließen, die die Wissenschaft alleine nicht erforschen kann.

Koen Vanmechelen, Foto: Florian Voggeneder, 2013

Bereits seit den 1990er Jahren erforscht Vanmechelen in seinem „Cosmopolitan Chicken Research Project“ deshalb die Entwicklung von Hühnern aus aller Welt, die er gemeinsam mit Genetikern und Virologen miteinander kreuzt. „Hühner spiegeln die kulturellen Eigenheiten der jeweiligen Länder wider und leisten damit auch einen Teil zur menschlichen Kultur“, ist er überzeugt. So trägt eine französische Rasse die Farben der Trikolore: Blaue Beine, weiße Federn und roter Kopf. 

Züchtung als Metapher für Evolution

Mittlerweile hat der Künstler 19 Generationen des Federviehs gezüchtet und dabei festgestellt: „In der 19. Generation hat sich die Fruchtbarkeit im Vergleich zu herkömmlichen Hühnern verdreifacht. Zu Beginn waren es 30 Prozent, heute haben wir 90 Prozent Fruchtbarkeit. Immunität ist sehr schwer nachzuweisen. Aber ein Beweis ist, dass meine Hühner 14 bis 15 Jahre leben. Zu Beginn waren es fünf Jahre. Die Diversität in den Hühnern ist also stark angestiegen.“ Mit dem Langzeitprojekt bleibt sich der Künstler thematisch treu. Denn trotz einer – mit Skulpturen, Gemälden, Fotografien, Mixed-Media-Installationen und Performances – sehr vielseitigen Arbeitsweise geht es in seinen Arbeiten immer wieder um die biokulturelle Diversität. “Meine Vision ist die Züchtung als eine Metapher für Evolution“, sagt Vanmechelen. 2015 stellte er diese Vision unter anderem mit lebenden Hühnern auf der Globale Exo-Evolution im Karlsruher zkm zur Schau. Und nicht nur hier: Mumifiziert, ausgestopft, fotografiert und in bunten Farben auf Leinwand verewigt, werden seine Hühner inzwischen in Museen, Ausstellungshäusern und auf Kunstmessen weltweit ausgestellt.

The Battery (Entwurf Mario Botta), Studio Koen Vanmechelen, Foto: Philippe van Gelooven

Mit LABIOMISTA hat Vanmechelens Evolutionsprojekt nun ein permanentes Zuhause. Das gemeinsam mit der Bergbaustadt Genk entwickelte und von ihr mit acht Millionen Euro geförderte Projekt (insgesamt ein rund 21 Millionen Euro teures Unterfangen, in das auch der Künstler selbst acht Millonen Euro investierte), soll Wissenschaft und Kunst, Mensch und Tier, Stadt und Land, Industrie und Handwerk zusammenführen. Deshalb gibt es auf dem 24 Hektar großen Gelände neben einer Aufzuchtstation für bedrohte Rassen und dem Hauptsitz von Vanmechelens Stiftungen in der restaurierten Direktorenvilla, eine von dem Schweizer Architekten Mario Botta entworfene „Battery“ (Vanmechelens Atelier) und „Ark“ (Eingangsbereich). Außerdem bestücken eine Open-Air-Ausstellung mit zahlreichen „lebenden Kunstwerken“ und Installationen sowie ein „LabOvo“ für Workshops und wissenschaftliche Diskussionen das ehemalige Minen- und Zoogelände. 

Collective Memory, Marmorstatue, Studio Koen Vanmechelen, Foto: Kris Vervaeke, 2918
Außenansicht der Villa OpUnDi, LABIOMISTA, Foto: Tony van Galen, 2019

Gegenseitige Befruchtung

 „LABIOMISTA bietet die Zutaten für die Geburt einer möglichen neuen Gesellschaft an, in der wir auf Gemeinschaftsbildung und Menschenrechte setzen", sagt Vanmechelen. Der Ort sei eine kraftvolle Kreuzbestäubung zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft und eine "Ode an die Mischung des Lebens", so der Künstler, der in dem Projekt seine künstlerische Ambition verwirklicht sieht, Wegweiser für die Wissenschaft bei der Suche nach Antworten auf die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu sein. "Ich bin ein wildes Gen. In der Freiheit der Kunst kann ich Ideen entwickeln, die Wissenschaftler nutzen können."

Globale Artenvielfalt in Genk

Nach C-mine und Thor Park ist LABIOMISTA der dritte Standort mit internationaler Ausstrahlung, der die Umwandlung der einstigen Bergbau-Region Genk in eine moderne Metropole des 21. Jahrhunderts vorantreiben soll. Ein Treffpunkt, an dem nach Wunsch der Betreiber universelle sozial-ökologische Themen dank der Sprache der Kunst greifbar und verhandelbar werden. Auf dem Parkgelände befinden sich drei Teiche, ein kleiner Wanderweg und über 9.000 m² große Tiergehege, in denen neben den kosmopolitischen Hühnern auch Lamas, Emus, Dromedare, Strauße, Alpakas und Rheas zur globalen Artenvielfalt beitragen.  

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10:00 bis 17:00 Uhr. Der Park ist bis 19:00 Uhr zugänglich (im Oktober schließt die Kasse um 16:00 Uhr und der Park um 17:30 Uhr). Weitere Konditionen unter: LABIOMISTA, Marcel Habetslaan 50, 3600 Genk