„Ich bin ein professioneller Voyeur“

Das neue Kulturzentrum Ravelingen in Knokke-Heist zeigt seltene Arbeiten aus dem Nachlass von Helmut Newton - Berlin stand Pate
Helmut Newton (Selbstportrait), Monte Carlo 1993, © Helmut Newton Foundation

Veröffentlicht in: LUXEMBURGER WORT (28.4.22), umgeschrieben für Knokke-Heist

Er galt als ebenso gut wie umstritten. Gut bezogen auf die Qualität seiner Bilder, umstritten bezogen auf deren Sujets. Unbestritten ist, dass der Fotograf Helmut Newton ein Großer seiner Zunft war. Als Werbe- und Modefotograf machte sich Newton in den 1950er Jahren einen Namen, als er begann, für die internationalen Ausgaben der Vogue zu arbeiten. Mit der französischen Ausgabe der Vogue, für die er ab 1961 arbeitete, brachte er es in der Folgezeit zu Weltruhm. Dabei war sein Start alles andere als leicht.

Berliner durch und durch

Als Jude war der Sohn eines Berliner Knopffabrikaten, erst 18-jährig und mitten in der Fotografenlehre im Studio von Yva (Else Neuländer-Simon) nach dem Novemberpogrom von 1938, gezwungen seine Heimatstadt zu verlassen. Über Triest und Singapur bis nach Australien führte ihn seine Flucht – allein. Seine Eltern, die versuchten, nach Südamerika zu fliehen, sah er nie wieder. In Melbourne eröffnete er 1945 ein kleines Fotostudio und lernte er die Schauspielerin June Browne kennen, seine spätere Ehefrau. Die Ehe, 1948 geschlossen, währte ein Leben lang. Nach seinem Tod im April 2004 erzählte June, die mit Newton abwechselnd in Los Angeles und an der Côte d'Azur gelebt hatte, Deutschland habe er nie vermisst, Berlin hingegen schon. Dorthin ist er schließlich zurückgekehrt - in ein Ehrengrab des Städtischen Friedhof Friedenau, nur wenige Meter von Marlene Dietrich entfernt.

In Helmut Neustädters (wie sein Name ursprünglich lautete) Geburtsstadt hat seit 2003 auch die Newton Foundation ihren Sitz. Hier wird der Nachlass des Fotografen verwaltet. In schöner Regelmäßigkeit zeigt die Stiftung im Museum für Fotografie Themen-Ausstellungen zur Arbeit von Helmut Newton – und seit ihrem Tod 2021 auch zu dessen Frau, die unter dem Namen Alice Springs selber als Fotografin Furore machte. Auch „Helmut Newton. Legacy“ war dort bis zum 15. Mai zu sehen. Ein COVID-19-verzögertes Geburtstagsständchen sozusagen, sollte die Schau doch bereits 2020 anlässlich des 100. Geburtstages von Helmut Newton (31.10.1920) gezeigt werden. Nun ist sie nach Belgien weitergewandert, genauer, in das belgische Küstenstädtchen Knokke-Heist, wo sie ab dem 10. Juni in dem umgebauten Ravelingen-Kulturzentrum zu sehen ist.  

Selbst – vermeintliche – Kenner des Newton-Œuvres geraten hier ins Staunen. Mit etwa 300 Werken, von denen die Hälfte zum ersten Mal zu sehen sind, wird das Leben und das visuelle Vermächtnis des Fotografen nachgezeichnet. Dabei spiegeln vor allem ungewöhnliche, bislang nie gezeigte Modefotografien der unterschiedlichen Dekaden den sich wandelnden Zeitgeist. Im Zuge der Pandemie verbrachte Stiftungschef und Kurator Matthias Harder viel Zeit im Archiv und förderte vergessene Fotografien zu Tage, die in ihrer Fülle und Darbietung überraschen. So hängen die Bilder chronologisch in sechs Schaffens-Dekaden untergliedert, die auch farblich zugeordnet wurden. Der Besucher nimmt auf diese Weise chronologisch an der Entwicklung im Werk des Fotografen teil.

Frühes Storytelling

Neben bekannten, ikonischen Fotografien sind Bilder zu sehen, die an Stills des Film Noir erinnern. „Storytelling war in den 1960er Jahren zwar noch kein Begriff, den man in den Medien kannte, aber Newton nutzte es bereits für seine Modefotos“, sagt Harder in einem Interview. Gut zu sehen an den Schwarzweiß-Aufnahmen mit elegant gekleideten Frauen, deren Papiere von Polizisten kontrolliert zu werden scheinen. Seinen unnachahmlichen Stil fand Newton im Paris der 1960er Jahre mit den Aufnahmen der damals revolutionären Modeentwürfe von André Courrèges. Neben den klassischen Studioaufnahmen arbeitete der Fotograf auch in den Straßen von Paris und inszenierte seine Modelle als vermeintliche Demonstrantinnen oder im Rahmen einer Paparazzi-Story; stets im Auftrag bekannter Modemagazine. Die teilweise engen Rahmenbedingungen und Erwartungen seiner Auftraggeber waren für ihn gleichzeitig ein Anreiz, gegen die traditionellen Darstellungsmodi zu opponieren. Laut Harder hat Newton die Modefotografie revolutioniert wie kaum ein anderer. „Newton ist gebucht worden, weil er immer neue kongeniale Bilder geliefert hat. Ein spektakuläres Kleid von Pierre Cardin, Yves Saint Laurent oder Karl Lagerfeld musste für Mode-Zeitschriften entsprechend in Szene gesetzt werden. Newton hatte die Antennen für Trends und konnte sie fantastisch visualisieren“.

"Niemand ist so kosmopolitisch wie Helmut, aber trotzdem sind es die erweiterten Elemente seiner eigenen Vergangenheit, die seinen einmaligen Stil geprägt haben", sagte Karl Lagerfeld über Newton, der ihn 1983 in Paris fotografierte. Wenige Monate zuvor war Lagerfeld zum Chefdesigner von Chanel ernannt worden. © Helmut Newton Foundation Berlin

Vorwurf des Sexismus

Seit den 1970er-Jahren hatte Newton hingegen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten beim Shooting vor Ort, ob per Helikopter am Strand von Hawaii oder in einem Pariser Stundenhotel, wo er Unterwäsche fotografierte und über die Spiegel im Raum stets im eigenen Bild sichtbar blieb. So testete Newton immer wieder gesellschaftlich-moralische Grenzen aus und definierte sie mitunter neu, was ihm einigen Ärger einbrachte. Seine anzüglichen Aufnahmen für den Stern und Männermagazine wie Playboy und Oui nämlich, kamen nicht bei allen gut an. Im Gegenteil: die parallel wachsende Frauenbewegung rund um Susan Sonntag und Alice Schwarzer lief Sturm. So klagte Letztere gegen den Stern, ob seiner „sexistischen“ Newton-Abdrucke. In den Augen der deutschen Feministin gab es nichts Frauenfreundliches an diesen Fotos, sondern lediglich Diskriminierung und Demütigung. Festgemacht hatte sie dies an den Abbildungen, die Frauen oft in aufreizenden, lasziven Posen zeigten, mal auf allen vieren im Bett in Reithose und Sattel auf dem Rücken, mal nackt am Pool, mit einem Schäferhund, der geiernd halb über das Model gebeugt war. Anfang der 90er Jahre kam noch der Vorwurf des Rassismus und gar Faschismus hinzu. Modepraktiker und -theoretiker hingegen nahmen den Fotografen in Schutz, da es doch geradezu frauenfreundlich sei, starke Frauen abzulichten, die ihre Sexualität aus freien Stücken vor der Kamera auslebten.

In der Ausstellung ist von alledem nichts zu vernehmen. Hier hat sich Harder auf Aufnahmen des Fotografen konzentriert, die sowohl in Komposition, als auch in ihrer Farbigkeit die künstlerische Bandbreite des Fotografen unterstreichen. Am besten sind jene Bilder, die man nur bedingt für Modefotos hält, wie unter anderem Portraitaufnahmen von Menschen - David Bowie, Romy Schneider und Liz Taylor etwa –, die einen bestimmten Stil repräsentierten. Abgerundet wird die Schau durch Polaroids und Kontaktbögen, mit denen man der Entstehung berühmter Motive nachspüren kann sowie Sonderveröffentlichen, Archivalien und jede Menge Zitate des Fotografen. Darf es eine weitere Kostprobe sein? „Fotografie ist immer eine Art des Verführens“ (Helmut Newton). Als hätten wir das nicht schon längst gewusst. 

„Helmut Newton. Legacy", bis 25.9.2022 im Ravelingen-Kulturzentrum, Knokke-Heist. Internet: www.helmutnewton.be

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