Die minuziös inszenierte Wirklichkeit

Jeff Wall schaut sich die Umwelt genau an. Der bei Sammlern hochgeschätzte Fotograf drückt nicht gleich auf den Auslöser. Wie ein Regisseur rekonstruiert der Konzeptkünstler die Situation – im Studio
JEFF WALL: The Crooked Path, 1991, © Jeff Wall

Ergänzender Artikel zur Schau "Jeff Wall - Apperance" aus dem eigenen Bestand! Veröffentlicht: HANDELSBLATT, 19./20.08.2011

Brüssel. Schulterlanges Haar, Jeans und Turnschuhe. Seine fast 65 Jahre sieht man ihm nicht an. Der Kanadier kommt lässig sympathisch daher und scheint die Ruhe gepachtet zu haben. Unermüdlich beantwortet der gefeierte Fotograf die Fragen der Journalisten. Anlass ist eine große Schau, die er gemeinsam mit dem belgischen Kurator Joël Benzakin für den Palast der Schönen Künste in Brüssel konzipiert hat. „The Crooked Path“ heißt sie, angelehnt an das gleichnamige Bild von 1991, das im Eingangsbereich zu sehen ist. Ein Trampelpfad, der sich durch ein brachliegendes Gelände am Rande eines Industriegebiets schlängelt. Ein Pfad, der dazu einlädt, auf Entdeckungstour zu gehen. Ein Pfad, der symbolisch für ein letztes Stück Natur steht, bevor auch dieses dem Fortschritt weichen muss. Nichts Spektakuläres, aber ein Jeff Wall. Und damit spektakulär genug, um bei Christie’s für 351 150 Dollar versteigert zu werden. 

2008 übertraf Jeff Wall mit „The Well“ bei Sotheby’s sogar die Eine-Million-Dollar-Marke. Dennoch zählt Wall nicht zu den teuersten Fotografen der Welt. An deren Spitze steht der Düsseldorfer Andreas Gursky, dessen Monumental-Aufnahmen seit fast 20 Jahren Höchstpreise erzielen. Sein zweiteiliges Großfoto „99 Cent II“, das die bunten Regalreihen eines amerikanischen Supermarktes in Szene setzt, wechselte bei Sotheby’s für 3,3 Millionen Dollar den Besitzer und gilt als die bislang teuerste Fotografie aller Zeiten. Jeff Wall ist mit meist sechsstelligen Preisen „günstiger“ zu haben. Gleichwohl zählt der Kanadier einer aktuellen Listung von Art Report zufolge mit Platz 8 zu den 30 „aufsehenerregendsten“ Fotokünstlern der Welt. Ein Grund dafür dürfte sein, dass der studierte Kunsthistoriker seit den 70er-Jahren das Wesen der Fotografie entscheidend mitgeprägt und auch verändert hat. Sein Verdienst ist es sicherlich mit wenigen anderen, die Fotografie aus der künstlerischen Belanglosigkeit in die heiligen Hallen der Kunstmuseen gehoben zu haben. Außerdem gilt Wall als Begründer der konzeptuellen Fotografie. Seine nur auf den ersten Blick spontan wirkenden Fotos beruhen auf streng durchdachten Konzepten. Einflüsse von Film, Malerei und Bildhauerei sind dabei unverkennbar. Mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen bezieht sich der mehrfache documenta-Teilnehmer auf die klassische Dokumentarfotografie und deren traditionelles Engagement für sozial am Rand der Gesellschaft agierende Schichten sowie auf den neorealistischen Film. Sein „Storyteller“ erinnert an das Gemälde „Frühstück im Grünen“ von Édouard Manet. Nur dass sich die vermeintliche Romantik heute unter einer Autobahnbrücke in Walls Heimatstadt Vancouver abspielt und die Akteure allesamt von der Gesellschaft ausgegrenzte indianische Ureinwohner Amerikas sind. Auch sein „Thinker“ von 1986 verweist auf die Kunstgeschichte und posiert wie die Denker-Skulptur von Auguste Rodin. Just dieses Bild wurde – allerdings in einem wesentlich kleineren Format (45,5 x 50cm), als in der Ausstellung (221 x 229 cm) zusehen – bei Christie’s für vergleichsweise bescheidene 57 413 Dollar veräußert. Wie bei Andreas Gursky und Thomas Struth sind auch bei Wall die großformatigen Bilder am beeindruckendsten. Bei Wall jedoch kommt noch eine Lichtkomponente hinzu: Viele seiner Arbeiten bestehen aus Cibachrome-Folien, die auf meterbreite Leuchtkästen montiert werden, wie sie die Werbung benutzt. Auch handelt es sich bei Wall immer um Einzelkompositionen, nie um Serienwerk. Seine sorgfältig, zunehmend digital fotografierten und bearbeiteten Bilder gleichen häufig einer Inszenierung der modernen Gesellschaft.

Der zeitliche Aufwand, mit dem der „Regisseur“ seine Bilder arrangiert, ist beträchtlich. Für seine an den gleichnamigen Roman von Ralph Ellison angelehnte Arbeit „Invisible Man“ klapperte Wall alte Keller in New York ab, bevor er sich seinen eigenen Kellerraum schuf, von dessen Decke Hunderte von Glühbirnen baumeln. Ein Jahr dauerte es, bis die Komposition perfekt war. Andere Motive nimmt der Künstler für das optimale Foto zu allen Jahreszeiten ins Visier. Für „In Front of a Nightclub“ lädt er Laiendarsteller ein und lässt eine ganze Straßenszenerie im Studio nachbauen, um so den günstigsten Blickwinkel auszuloten. Er inszeniert die Wirklichkeit so lange, bis sie zu einer „fiktiven Realität“ wird. „Ich sehe Dinge. Und wenn ich das Gefühl habe, das wird ein gutes, interessantes Bild, dann fotografiere ich das nicht gleich“, begründet Wall seine Vorgehensweise: „Ich denke darüber nach. Dann rekonstruiere ich die Situation, lasse sie neu geschehen.“ Für die Brüsseler Ausstellung nun stellt Wall 25 Fotografien aus den 70er-Jahren bis heute in den Kontext mit 130 zum Teil selten gezeigten Arbeiten von Vorläufern und Wegbegleitern. Die Fotografen Diane Arbus, Walker Evans, Stephen Shore, August Sander, Andreas Gursky, Thomas Ruff, Thomas Struth sowie die Filmregisseure Pasolini und Truffaut haben Wall inspiriert. Ob es ein „Dialog“ ist, wie die Ausstellungsmacher betonen, sei dahingestellt. Eine Aufforderung, auf Entdeckungstour zu gehen, wie bei einem verschlungenen Pfad, ist es allemal.

„Jeff Wall: The Crooked Path“ bis 11.09.11 im Palast der Schönen Künste (BOZAR), Brüssel. Öffnungszeiten: Di-So, 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr.

Jeff Wall beim "Artplausch" mit Journalisten im Brüsseler BOZAR, 2011, Fotos: Cornelia Ganitta
Jeff Wall, © Cornelia Ganitta
Jeff Wall, © Cornelia Ganitta