Die Metamorphose von Mons

Der Kulturhauptstadt-Titel erweist sich als Glücksgriff für die wallonische Bergbau-Metropole
Fotos: Cornelia Ganitta

Ergänzender Artikel aus dem eigenen Bestand! Veröffentlicht: GI-ONLINE, 04-2015

Kein Geringerer als Vincent van Gogh musste herhalten, um 2015 das Kulturhauptstadt-Jahr der belgischen Stadt Mons einzuläuten. Allein in den ersten drei Monaten sahen 110.000 Besucher die Anfänge des niederländischen Malers, der in der Industrielandschaft rund um Mons seinem Dasein als Prediger ein Ende setzte, um zum begnadeten Maler zu werden. Damit waren es im Museum der Schönen Künste sogar ein paar Tausend Besucher mehr, als die Hauptstadt der Provinz Hennegau Einwohner zählt.

Neue Infrastrukturen als Lockmittel

Auch ohne Van Gogh wird sich Mons als erlebenswerte Kulturhauptstadt behaupten müssen. Dafür sollen mitunter vier neue Museen sorgen, die am Osterwochenende eröffnet wurden und laut Ex-Premier und amtierendem Bürgermeister der Stadt, Elio di Rupo, der Stadt eine „neue Ära“ bescheren werden. Darunter eine Artothek für die Lagerung und Restaurierung regionaler Kunst, ein in einem alten Wasserwerk errichtetes Kriegsmuseum, das sein Licht auf die beiden großen Weltkriege des 20. Jahrhunderts wirft, das Brauchtum-Museum Doudou, das dem traditionellen Monser Drachenfest gewidmet ist und Silex´s, ein neolithisches Museum vor den Toren der Stadt. Bis zu zehn Meter können bei begrenzter Personenanzahl in eine Jahrtausende alte Mine hinabgestiegen werden. Parallel dazu bietet das neue Konzerthaus Arsonic in einer umgebauten alten Feuerwehrstation Hörgenuss für 250 Gäste. Und auch Vincent wird nicht ganz verschwinden: In dem seit wenigen Monaten wieder zugänglichen Haus in Cuesmes kann sich der Besucher ein Bild von der Zeit machen, die van Gogh hier von 1879 bis 1880 verbrachte.

Schließlich trägt auch der neue Belfried zur Veränderung des städtischen Antlitzes bei. Im Sommer wird der Turm nach über 30 Jahren Renovierungszeit wiedereröffnet. Auch wenn seitens der Europäischen Union „nur“ 1,5 Millionen Euro nach Mons geflossen sind (den Löwenanteil von 70 Millionen Euro tragen Brüssel, Provinzen, Mons selbst sowie diverse Sponsoren), so scheint es, als habe erst der Titel der Stadt den rechten Schub verliehen. Denn auch das bibliotheksähnliche Archiv Mundaneum, laut der französischen Zeitung Le Monde eine Art „Google auf Papier“, wird im Sommer seine Pforten öffnen. Dann werden neben dem Doudou, den Minen von Spiennes und dem barocken Belfried, gleich vier städtische Weltkulturerbe-Einrichtungen in neuem Glanz erscheinen. Mit der Eröffnung der Bauten liegt Mons im zeitlichen Rahmen der „Metamorphose“, die dem alten Bild einer vom Bergbau geprägten Stadt ein modernes Image verpassen will. Nicht umsonst lautet das Motto: „Wo Technologie auf Kultur trifft“.

Davon zeugen auch andere Einrichtungen, die auf den Zug von Mons 2015 gesprungen sind, wie beispielsweise das fristgerecht fertig gestellte Kongresszentrum von Daniel Libeskind. Als Ausweichstätte für das überlastete, nur eine Autostunde entfernte Brüssel, soll es für die in Mons angesiedelten Großunternehmen wie Google seinen Zweck erfüllen. Im Gegensatz dazu wird ein weiterer, überdimensionierter Bahnhof des spanischen Architekten Santiago Calatrava (das nur 130 Kilometer entfernte Lüttich hat bereits einen!) mit einiger Verspätung erst 2018 seinen Betrieb aufnehmen.

Internationaler Kunstparcours

Schon jetzt erweist sich der „Hauptstadt-Titel“ für Mons als Glücksgriff. Sechsmal so viele Besucher wie im Vergleichszeitraum 2014 verzeichnete die Stadt in den ersten drei Monaten des Jahres 2015. Es dürften noch mehr werden, denn die Stadt hat weitere Aktivitäten im Gepäck, die mit zunehmenden Temperaturen noch mehr Städtebummler anziehen werden. So gibt es seit Anfang April einen internationalen Kunstparcours. Fünfzehn urbane Installationen sind zu sehen, die den Rundgang lohnen. Den Beginn macht eine Bücherlawine der Spanierin Alicia Martin, die als Verweis auf das digitale Zeitalter rund 7.000 Biografien aus einem Universitätsfenster fallen lässt. Die Faultiere der Künstlerin Elodie Antoine, die sie in die Bäume eines kleinen Parks gruppiert hat, sehen täuschend echt aus. Und auch der Wald des bekannten belgischen Streetart-Künstlers Vincent Glowinski, der sich als gigantisches Fresko in den schillerndsten Farben auf einer Hauswand erstreckt, bringt die Natur in die Stadt zurück. Was sich hinter den Fenstern einer Hausfassade abspielen kann, zeigen zwei Kunststudenten, die in Popart-Manier vermeintliche Hollywood-Schauspieler mit ihren Muskeln spielen lassen. Ein Herz aus Verbotsschildern („City says No“) schließlich, vor der Gemeindeverwaltung platziert, nimmt den Unsinn eines manchen Verbots aufs Korn.

Bei alledem wird Bürgerbeteiligung großgeschrieben. Schon bei der Eröffnung im Januar war die halbe Stadt auf den Beinen und krempelte die Ärmel hoch. Und auch jetzt unterstützt ein Heer von Freiwilligen die Macher als Gästebetreuer, Workshop-Leiter, Café Europa-Betreiber, Chorsänger sowie Helfer bei den anstehenden, über das Jahr verteilten 300 Veranstaltungen. Habe die Akzeptanz für Mons als Europäische Kulturhauptstadt – auch wegen der hohen Arbeitslosigkeit von 22 Prozent – noch im Vorfeld bei 60 Prozent gelegen, so stünden nun 80 Prozent der Bevölkerung „hinter ihrer Stadt“, teilten Touristiker mit. Bleibt zu hoffen, dass sich der mentale, kulturelle und nicht zuletzt wirtschaftliche Aufschwung auch über dieses Jahr hinausträgt. Oder, wie es die stellvertretende Direktorin der Kulturhauptstadt-Stiftung, Marie Noble, bei der Eröffnung der Museen auf die Frage „Was ist das Ziel von Mons 2015?“ lapidar nannte: „2016“.