Luxemburgs Verstrickung in Belgisch-Kongo

Eine Ausstellung im MNHA zeigt die wenig bekannte koloniale Vergangenheit des Benelux-Staates
Foto: pixabay

Hat Luxemburg eine koloniale Vergangenheit? Viele Luxemburger/-innen würden sicherlich mit einem klaren Nein antworten, denn der luxemburgische Staat war nie eine Kolonialmacht. Aber ist es wirklich so einfach? Das Nationalmuseum für Geschichte und Kunst (MNHA) geht der Frage nach. Auch in Luxemburg prägte die Ideologie des Kolonialismus, die auf dem Prinzip der Ungleichheit zwischen den Europäern und den Kolonisierten basierte, sowohl die Denkweise der Gesellschaft als auch Politik, Wirtschaft und Kultur von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wandte man sich zunehmend von dieser wertenden Rassenideologie ab, die aus heutiger Sicht jedweder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Obwohl das Großherzogtum Luxemburg nie politische Autorität über ein auswärtiges Territorium oder eine der dort ansässigen Bevölkerungsgruppen ausübte, verließen während des 19. und 20. Jahrhunderts zahlreiche Luxemburger Männer und Frauen das Großherzogtum, um in den Kolonien anderer europäischer Staaten zu leben und zu arbeiten. Kurz bevor die heutige Demokratische Republik Kongo im Jahr 1960 ihre Unabhängigkeit erlangte, lebten dort fast 600 Menschen aus dem Großherzogtum. Die Luxemburger/-innen waren an der Eroberung, Erforschung und Missionierung verschiedener Kolonien beteiligt, genau wie an der wirtschaftlichen Ausbeutung Belgisch-Kongos und an der grausamen Unterdrückung seiner Bevölkerung unter der Herrschaft des belgischen Königs Leopold II. (1885-1908), die als Kongogräuel in die Geschichte eingegangen sind.

Die neue Sonderausstellung gibt einen Überblick über die wenig bekannte koloniale Vergangenheit Luxemburgs. Durch die Erinnerung an geschichtliche Fakten und die Präsentation zahlreicher Lebensläufe zeigt das MNHA die Komplexität der kolonialen Beziehungen auf, die bis heute nachwirken.

Luxemburgs koloniale Vergangenheit, bis 6.11.22 im Musée national d´histoire et d´art (MNHA), Marché-aux-Poissons, 2345 Luxemburg.

Internet: www.mnha.lu

KONFERENZ

Über die Ausstellung hinaus befasst sich eine Konferenz mit bestimmten Aspekten der kolonialen Vergangenheit, wie der luxemburgischen Präsenz auf der ganzen Welt während der Kolonialzeit, aber auch mit der Präsenz des Kolonialismus in Luxemburg. Es geht darum, sich einigen neuen Aspekten zu nähern, die sich aus der jüngsten historischen Forschung zur Kolonialgeschichte Luxemburgs ergeben, und gleichzeitig an den allgemeinen Kontext der „kolonialen Globalisierung“ zu erinnern, an der auch die Luxemburger teilnahmen. Migrationen von Luxemburgern nach Übersee im 19. Jahrhundert, Soldaten der Kolonialarmeen, koloniale Wirtschaftsbeziehungen und der spezielle Fall der Luxemburger in Belgisch-Kongo stehen im Mittelpunkt der Debatte. Damit wird deutlich, dass das Großherzogtum Luxemburg wie alle anderen Länder Westeuropas durchaus eine koloniale Vergangenheit hat. Im Nachfolgenden ist die Diskussion im Live-Stream zu sehen – auf Französisch!

 

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