Der Kaiser als Holzfäller

Vor 80 Jahren starb Wilhelm II. im niederländischen Exil
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VERÖFFENTLICHT IN: LUXEMBURGER WORT, 4.6.21

Am 4. Juni 1941 erlag der letzte deutsche Kaiser im Schlafzimmer seines Herrensitzes den Folgen einer Lungenembolie. „Ich versinke, ich versinke“ sollen seine letzten Worte gewesen sein. In dem idyllischen Wasserschloss Huis (Haus) Doorn, nahe Utrecht, fand Wilhelm II. nach der Niederlage, die er und das Deutsche Reich im Großen Krieg erlitten hatten, Asyl. Was Wunder, dass ihn überhaupt einer nahm. In Luxemburg hätte er sicherlich schlechtere Karten gehabt. Schließlich entstammte Großherzogin Marie-Adelheid einem deutschstämmigen Fürstenhaus und hatte sie – sehr zum Verdruss der Bevölkerung – im ersten Kriegsjahr Kaiser Wilhelm II. empfangen, der in Luxemburg weilte, nachdem das Hauptquartier der deutschen Armee (von Ende August bis Ende September 1914) hierhin verlegt worden war. Eine Aufnahme des Kriegstreibers (oder "Marionette" – die Meinungen gehen hier in der historischen Einordnung auseinander) wäre ein Affront gewesen.

Warum sich die Niederländer erbarmten, liegt in ihrer Neutralität sowie der Verbindung zum Haus Oranien-Nassau begründet, dessen Vorfahren in verschiedenen Generationen mit den Hohenzollern verheiratet waren. So gelangte der mit falschen Papieren ausgestattete Kaiser nach seiner Flucht am 10. November 1918, zunächst nach Schloss Amerongen. Ende November unterzeichnete er dort seine Abdankung, nachdem er bereits Wochen zuvor in Deutschland entmachtet worden war. 1919 kaufte der Entthronte Huis Doorn von Baronin Van Heemstra (der Urgroßmutter von Audrey Hepburn), ließ das für seine Verhältnisse bescheidene Haus standesgemäß renovieren und bezog es ein Jahr später gemeinsam mit seiner Frau, Kaiserin Auguste Viktoria (1858 bis 1921).

Residenz ohne Reich

Fünf Züge mit insgesamt 59 Güterwagons waren nötig, um das Inventar des kaiserlichen Hofstaats aus den Schlössern, die Wilhelm II. einst in Deutschland besessen hatte, heranzukarren. Seine Besitztümer, darunter kostbare Möbel, Waffen, Kunstwerke, prachtvolle Lüster, erlesenes Geschirr und 7000 Bücher, sollten es dem Kaiser ohne Land weiterhin ermöglichen, „angemessen pietätvoll“ zu residieren. Ob Speisesaal, Gobelinraum, Rauchsalon, Küche, Bad, die privaten Ruhegemächer, bis hin zum achteckigen Arbeitszimmer mit originalem Briefpapier und Sattelhocker – alles befindet sich auch heute noch ziemlich genau in dem Zustand, in dem es die letzten Hausbewohner hinterlassen haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Huis Doorn von den Niederlanden als Feindvermögen beschlagnahmt und 1953 einer eigens gegründeten Stiftung übertragen, die seither das letzte Heim des Kaisers bewahrt und für Besucher als Museum zugänglich gemacht. 

Der Weg führt durch ein Torgebäude und gibt den Blick frei auf eine Kapelle, einen Taubenschlag, auf Nebengebäude, die als Unterkünfte für Gäste und Orangerie dienten und schließlich auf das Schloss selbst. Umgeben von einem Wassergraben ragt dieser mittelalterliche Landsitz auf, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einem eleganten Anwesen umgebaut wurde. Die 18 Zimmer genügten den Ansprüchen des Kaisers trotzdem nicht, weshalb auch die Gegenstände, Möbel und Portraitgemälde zumeist überfrachtet angeordnet wirken. So ist des Kaisers großes Vorbild, Preußenkönig Friedrich II. omnipräsent und zieren auch die Zigarettendosen, die Wilhelm II. – in Anlehnung an sein Vorbild – gesammelt hatte, einige Vitrinen des Hauses.  

Des Kaisers Hobby: Holzhacken

Seine „Freizeit“ verbrachte Wilhelm II. mit Vorliebe beim Rosen züchten, Bäume fällen und Holz hacken. Gelegenheit dazu hatte er genug inmitten eines Parks, der dem englischen Landschaftsstil nachempfunden wurde. Mehr noch: Rund 11000 Bäume soll der Kaiser a. D. auf dem 35 Hektar großen Gelände gefällt und zersägt haben - zu viele, wie ein Vertrauter notierte: "Der Park wird immer kahler, ein Baum nach dem anderen fällt." Der Preuße hingegen nahm es sportlich, als körperliche Ertüchtigung, vermutlich aber auch aus Langeweile, denn viel Abwechslung bot sich ihm nicht in der kleinen Gemeinde Doorn. Große Empfänge waren selten, Ausnahmen bildeten etwa die Hochzeit mit seiner zweiten Frau, Prinzessin Hermine, oder die Feierlichkeiten zu runden Geburtstagen des 1859 Geborenen. Von der niederländischen Regierung hatte der einstige Hohenzollernherrscher die Auflage erhalten, sich politisch nicht zu äußern und den Ort nicht weiter als 15 Kilometer zu verlassen. Das war Teil des Abkommens, mit dem die Niederlande - entgegen der Auslieferungsanträge seitens der Alliierten - bereit waren, ihm und seiner Familie nach seiner Abdankung langfristig Obhut zu gewähren.

Wortlaut der Abdankungsurkunde des Kaisers (Quelle: bpb)
"Ich verzichte hierdurch für alle Zukunft auf die Rechte an der Krone Preussens und die damit verbundenen Rechte an der deutschen Kaiserkrone. Zugleich entbinde ich alle Beamten des Deutschen Reiches und Preussens sowie alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Marine, des Preussischen Heeres und der Truppen der Bundeskontingente des Treueeides, den sie Mir als ihrem Kaiser, König und Obersten Befehlshaber geleistet haben. Ich erwarte von ihnen, dass sie bis zur Neuordnung des Deutschen Reichs den Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland helfen, das Deutsche Volk gegen die drohenden Gefahren der Anarchie, der Hungersnot und der Fremdherrschaft zu schützen."  Wilhelm II. am 28. November 1918 in Amerongen

An sein Haus gebunden, richtete Wilhelm II. sein ganzes Augenmerk auf das Anlegen eines Gartens mit Blumenbeeten und eines Rasens neben dem Schloss, in dem die fünf Hunde des Kaisers begraben liegen. Auch er selbst fand auf dem Anwesen seine letzte Ruhestätte; eine Beerdigung im Berliner Dom, wo seine Vorfahren bestattet sind, blieb dem gefallenen Monarchen versagt. Sein Sohn ließ im Park, zwischen den von dem Kaiser geliebten Rhododendren, ein Mausoleum errichten, in dem sein Vater begraben wurde. Die Kupferkugel mit Kreuz auf dem Dach wurde von einem Doorner Schmied aus alten Kupfertöpfen gefertigt, heimlich, denn zur Zeit des Todes von Wilhelm II. waren die Niederlande schon von den Deutschen besetzt, die sämtliches Kupfer zum Gießen von Kanonen einforderten.

Streit um Huis Doorn

Während die Grabstätte eindeutig dem Eigentum der Hohenzollern zugerechnet wird, erhoben diese auch Anspruch auf das Haus. Das vermeldete die Deutsche Presseagentur Ende vergangenen Jahres. Demnach drohte das Adelsgeschlecht im September 2014 dem niederländischen Staat mit einer Klage, sollte ihrer Forderung nach Rückgabe nicht stattgegeben werden. Die damalige Kulturministerin Jet Bussemaker wies die Ansprüche als unbegründet zurück, wie aus einem 2020 vom Kulturministerium in Den Haag veröffentlichten Briefwechsel hervorging.

Auch in Deutschland gibt es Forderungen der Hohenzollern, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der damaligen sowjetischen Besatzungszone enteignet wurden. Seit 2014 verhandelten der Bund sowie die Länder Berlin und Brandenburg jahrelang mit den Nachkommen über mögliche Rückgaben und Entschädigungen. Das Land Brandenburg hatte eine Entschädigung auf Basis des Einigungsvertrages abgelehnt. Dagegen klagen die Hohenzollern. Die Hohenzollern hatten zudem die Rückgabe von Kunstgegenständen, ein Wohnrecht in Schloss Cecilienhof, Schloss Lindstedt oder der Villa Liegnitz in Potsdam verlangt. An Haus Doorn ist der Kelch einstweilen vorübergegangen, weshalb das Museum nach Corona wieder mit vielen Tausend Besuchern rechnen kann.

Huis Doorn, Langbroekerweg 10, 3941 MT Doorn. Das Schloss ist nur mit Führung zu besichtigen. Ab dem 9.6. wieder geöffnet, Di bis So, 13 bis 17 Uhr. Im Pavillon werden wechselnde Ausstellungen organisiert sowie derzeit "Der Kaiser und das Dritte Reich". Internet: www.huisdoorn.nl
 

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