Wer die Wahl hat, hat die Qual …

Fotografie und Design im Fokus der ART WEEK Rotterdam
Foto: Art Rotterdam

Veröffentlicht in: LUXEMBURGER WORT, 19.5.22

Früher produzierte die Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam Tee, Kaffee und Tabak. Heute gehört das UNESCO-Weltkulturerbe längst zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Hafenmetropole. Zu den üblichen Besuchern dürften sich am Wochenende im Rahmen der ART WEEK ROTTERDAM  zahlreiche Kunstliebhaber gesellen, um die hier beheimatete Messe für zeitgenössische Kunst zu besuchen. Auf einer Grundfläche von 10 000 Quadratmetern zeigen mehr als hundert führende nationale und internationale Galerien die Arbeiten aufstrebender und etablierter Talente. Die 23. Ausgabe der ART ROTTERDAM führt zwei Neuerungen ein: zum einen erhält der Videobereich „Projections“ ein völlig neues Format. Zum anderen ist für „Prospects“, die Ausstellung der Mondrian Stiftung eine bedeutende Erweiterung geplant. Die Messe – die vor der Pandemie jährlich im Februar stattfand – hat 2022 Frühlingscharakter: Im Außenbereich präsentieren führende Galerien siebzehn großformatige Installationen, von denen die meisten speziell für diesen Anlass entworfen wurden. Mit der Arbeit „De Blauwen“ begrüßt der Rotterdamer Onno Poiesz das Publikum. Das Werk ist ein Verweis auf Pandemie und Krieg, der das Welt-Geschehen seit Anfang 2022 dominiert. Tim Wes präsentiert die Installation „Trauma Triggers Triumph“. Mit diesem Objekt zeigt der Jazzsaxophonist, Sänger und Bildende Künstler, dass das Idealbild des universalen Menschen (uomo universale) immer noch aktuell ist. Auf der Van-Nelle-Fabrik weht eine Equilibrium-Flagge. Sie ist Teil eines Projekts, das der Künstler Thierry Oussou in den letzten Jahren über die Baumwollplantagen in Benin entwickelt hat. Die Flagge steht für alle Menschen, die im Schatten arbeiten. Fons Hof, Direktor der Art Rotterdam hält fest: „Was an dieser Ausgabe der ART ROTTERDAM auffällt, ist die hohe Zahl sozial engagierter Outdoor-Präsentationen mit Bezügen zur Welt um uns herum. Klima, Pandemie und Populismus wechseln sich ab mit Humor und Lust“. 

Boutique-Konzept als Markenzeichen

Wer inmitten des Gewusels irgendwann den Überblick verliert und trotzdem noch nicht genug von Kunst hat, kann im Rahmen der ART WEEK auch die HAUTE PHOTOGRAPHIE besuchen. Seit 2016 zählt die exquisite Fotoschau zu einem weiteren Höhepunkt mit wachsendem Zulauf. Rund 40 Fotografen sind real vertreten, 75 junge Talente digital präsent. Sie alle sind Garant für eine kleine, feine Messe mit Boutique-Charakter. Im Gegensatz zu den üblichen Kunstmessen setzt Gründer Roy Kahmann, der eine eigene Galerie in Amsterdam betreibt, auf ein anderes Konzept: „Auf der Haute Photographie gibt es keine Stände mit Tischen, auf denen Computer stehen oder Bücher ausgelegt sind. Im Blickpunkt steht der Künstler, nicht die vertretende Galerie“. So präsentiert sich die Fotomesse bereits zum vierten Mal im strukturierten Museumsstil, bei dem jeder Fotograf seine eigene Wand erhält. In diesem Jahr allerdings erstmals in anderen Räumlichkeiten. Statt im LP2, in direkter Nachbarschaft zum Nederlands Fotomuseum am Südzipfel von Rotterdam, wo die Messe bis 2020 stattfand, zeigt Kahmann die Fotografien seiner Schützlinge erstmals auf dem Merwe-Vierhaven-Gebiet (M4H), einem alten ca. 100 Hektar großen Hafengelände an der Nordseite der Maas (unweit von Van-Nelle). Neben Klassikern wie Albert Watson (UK), Takeshi Shikama (Japan) oder Barry Kornbluh (USA) gehören Nachwuchs-Fotografen wie Jonas Bjerre-Poulsen (DK), Marcus Schaefer (D) oder Olga Wagemans (NL) zum Portfolio. Nicht selten werden hier neue Talente der berühmten „Dutch Photographie“ entdeckt. Die Preise variieren von einigen Hundert Euro für Newcomer bis 30 000 Euro für das Vintage eines „alten Hasen“ (Robert Frank oder Helmut Newton). 

Originelles Design

Im Gegensatz zur Haute Photographie ist die OBJECT ROTTERDAM schon seit zehn Jahren im Vier-Hafengebiet zu Hause. Fast 200 Designer und Künstler präsentieren in dem Gebäude einer ehemaligen Großhandelsvereinigung ihre Objekte. Entworfen wurde das modernistische Gebäude in den 1930er Jahren von den niederländischen Architekten Mertens und Koeman. Demnächst wird Dudok Real Estate das HAKA-Gebäude unter Beibehaltung seiner industriellen und monumentalen Werte in ein besonderes Mehrfirmengebäude umwandeln. 

Bis es soweit ist, findet hier die 10. Ausgabe der Object Rotterdam statt. Bis zum 22. Mai sind die hellen Räume bestückt mit originellen Möbeln, flippiger Mode, farbenfrohen Textilien, eigensinnigem Schmuck sowie seltenen Leucht- und Deko-Artikeln, kurz: schönen Dingen, die man sich durch die Designer selbst erklären lassen kann. Von Beginn an leitet Anne van der Zwaag die Messe. Um dies zu feiern, erhalten alle Besucher mit ihrem Ticket freien Zugang zum Euromast, wo in luftiger Höhe verschiedene Rotterdamer Designer ihre Arbeiten offerieren.

Die Teilnehmenden arbeiten mit unterschiedlichen Materialien, einige aus einem angewandten Ansatz, andere aus einem autonomen Ansatz heraus. Jewel.Rotterdam präsentiert eine kunterbunte Auswahl an Schmuck-Objekten, deklein&vanhoff zeigen traditionell gefertigte Interior Designs, Modeikone Bas Kosters wartet mit einer neuen Glasserie auf, während die GoMulan Gallery ausdrucksstarke Bilder der bildenden Künstlerin Susanne Khalil Yusef präsentiert. Alle Entwürfe werden zum Verkauf angeboten oder in Auftrag gegeben – eine Eigenschaft der Messe, die seit Jahren ein wichtiges Bindeglied zwischen Angebot und Nachfrage darstellt. 

Wegen der langen, pandemiebedingten Pause, strotzt die diesjährige Ausgabe der Object vor Premieren. So präsentiert Tanaruz erstmals nachhaltige Designboote, die aus recyceltem Polymer bestehen und mit einem 3D-Drucker hergestellt werden. Im Erdgeschoss des HAKA-Gebäudes führt Lensvelt eine neue Stuhlkollektion ein, die von der Powerhouse Company entworfen wurde und in verschiedenen Farben erhältlich ist. Ebenfalls neu ist die Zusammenarbeit mit der Dudok Horeca Groep, die im Erdgeschoss des Gebäudes ein Pop-up-Café mit Terrasse einrichtet. Am Freitag findet hier eine Reihe von Designgesprächen statt.

Talent-Pool

Viele junge Designer machen bei Object ihre ersten Schritte im kommerziellen Designbereich. Hier können sie direkt mit Verbrauchern, aber auch mit Agenten, Galeristen und Ausstellungsmachern in Kontakt zu treten. Die Messe sei wie eine Ausstellung aufgebaut, so Anne van der Zwaag. Auch sie vertritt – ähnlich wie Roy Kahmann – ein eigenwilliges Konzept: „Wir wollen uns einer üblichen Messeatmosphäre fernhalten, deshalb verzichten wir bewusst auf Wände und Tribünen. Dadurch treten die Entwürfe in Beziehung zur Architektur und kann man als Besucher das schöne HAKA-Gebäude optimal erleben.“ Für diese Ausgabe hat Van der Zwaag nicht weniger als 50 Absolventen von Hochschulen aus dem ganzen Land, unter anderem der Rietveld Academy in Amsterdam, ArtEZ in Arnheim und der WDKA Rotterdam ausgewählt. Arbeiten von kürzlich graduierten Designern wie Ebru Gruner, Amy van der Horst und Erco Lai wechseln sich mit solchen aus den Ateliers von Ruben van Megen oder Martens & Visser ab. Aufstrebende Talente und bekannte Labels werden bewusst vermischt. Dadurch findet eine gegenseitige Befruchtung statt, die es in der Form nur auf einer Messe gibt.  

Thierry Oussou, Equilibrium Wind, Flagge, 2021. Courtesy: Lumen Travo Gallery and the artist. Foto: Tymélia Zanifé-Olory
Roosje Verschoor, Heiße Kartoffel, 2020-2021, mixed media. Dieses Werk ist Bestandteil der Ausstellung "Prospects" von der Mondrian-Stiftung.

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Mit der ROTTERDAM PHOTO – am Willemsplein, neben der Erasmusbrücke gelegen - präsentiert die ART WEEK einen weiteren Hotspot der Fotografie. Rund 10 000 Besucher jährlich machen sie zu einem beliebten Treffpunkt für Kunstliebhaber, Sammler und Galeristen, die frische Talente aufspüren wollen. Ziel ist es, den rund 100 teilnehmenden zeitgenössischen Fotografen eine im Vergleich zu den traditionellen Kunst- und Fotomessen bezahlbare Ausstellungsfläche zu bieten. In Anlehnung an die Hafenstadt Rotterdam werden die Fotografien hier in umfunktionierten Schiffs-Containern outdoor gezeigt. Internet: www.rotterdamphoto.eu


Die ROTTERDAM ARTWEEK findet vom 18. bis 22. Mai statt, wobei den Hauptpart das Wochenende bildet. Allgemeine Auskunft unter: www.rotterdamartweek.info. ART ROTTERDAM: www.artrotterdam.nl (Tickets online für 22,50 Euro). HAUTE PHOTOGRAPHIE: www.haute-photographie.com (Tickets online für 17,50 Euro). Hier wird auch ein Shuttle-Service beschrieben, mit dem man von der Van-Nelle-Fabrik in die Keilestraat 9 kommt. Die Object präsentiert sich im HAKA-Gebäude, Vierhavensstraat 38-42, Rotterdam. Tickets sind online und an der Kasse erhältlich und kosten 15 Euro, Kinder unter 12 Jahren frei. Eine Eintrittskarte gewährt während der Ausstellungstage freien Zugang zum Euromast. Internet: www.objectrotterdam.com.