Das Meer - Salut d´honneur Jan Hoet

Ehrerbietung an Jan Hoet - Oostende feiert den flämischen Kunstpapst
Foto: Cornelia Ganitta, Blick aus dem Palast Hotel in Oostende, im Hintergrund das Kunstwerk "Altar" (2014) von Kris Martin

"I need the sea because it teaches me,
I don´t know if I learn music or awareness,
if it´s a single wave or its vast existence,
or only its harsh voice or its shining 
suggestion of fishes and ships.
The fact is that until I fall asleep,
in some magnetic way I move in
the university of the waves. (…)"

Pablo Neruda

Ergänzender Artikel zu "Ann Demeester meets Frans Hals" aus dem eigenen Bestand! Veröffentlicht: mare, 12/2014 

Ob Jan Hoet gern zur See gefahren wäre, wissen wir nicht. Eine Affinität zur See jedoch, hatte er gewiss. In der belgischen Küstenstadt Oostende ist sie dieser Tage allerorten spürbar. Rund 150 Künstler sind hier in einer Ausstellung rund um das Meer versammelt. An über zehn Orten der Stadt, darunter einem alten Kino, einer Fischerkirche, der einstigen Post, finden sich Videos, Gemälde oder Installationen, die dem zeit seines Lebens währenden Anspruch Hoets, die Kunst unter das Volk zu bringen, gerecht werden. Sein Wirken als Documenta-Macher (Kassel 1992), Museumsleiter (Gent und Herford), gefragter Kurator oder Chambres d´amis-Erfinder begründete seinen internationalen Ruf. Bei Letzterem – dem "Gesellenstück" des studierten Kunsthistorikers – gewährten 1986 Bürger der Stadt Gent Kunstinteressierten Einlass in ihre Wohnungen, in denen Kunstwerke präsentiert wurden. Die Kunstwelt war sich eins: Näher kann die Kunst dem Menschen nicht kommen.

Die Auswahl der Werke für "Das Meer" habe sich "wave by wave" entwickelt, erklärt Phillip Van den Bossche, Ko-Kurator und nach dem Tod von Jan Hoet im Februar dieses Jahres, Vollender der Schau. Die Stadt Oostende habe Jan Hoet im Sommer 2013 gefragt, eine Ausstellung über das Meer zu machen, ab September dann sei das Konzept gereift, so Van den Bossche. Man habe viel geredet, initiiert, verworfen. Kunst als Diskussionsplattform, als demokratischer Prozess (der nicht immer so demokratisch ablief, wenn Jan einen bestimmten Künstler durchgesetzt haben wollte). Ganz so, wie es der in seinem Heimatland gern als "Kunstpapst" Bezeichnete liebte. "Jan meinte, dass das Meer bei Künstlern immer dann zum Thema werde, wenn sie sich in einer Krise befänden", philosophiert Van den Bossche. Das Meer als Ventil für die innere Zerrissenheit. Die Krise als roter Faden für die Schau? Bereits das Eingangsbild in dem zum Museum aan de Zee (MuZee) umgebauten, einstigen Warenhaus untermauert diese These. In dunklen Tönen kommen die von Thierry De Cordier 2011 gemalten Wellenbrecher rau und bedrohlich daher. Der modernen Arbeit sind zwei Klassiker gegenüberstellt: "Die Welle" von Gustave Courbet aus dem Jahr 1869 sowie "Three Seascapes" (1827) des großen englischen Malers und Hobbyseglers William Turner, einer seltenen Leihgabe der Tate Gallery in London. Thomas Schüttes Kopf des berühmten französischen Skippers Alain Colas, der als erster mit einem Mehrrumpfboot erfolgreich die Erde umsegelte, dann aber auf hoher See vor der Küste der Azoren ums Leben kam, wirft quälende Fragen der eigenen Identität auf. Eine fiktive Weltkarte des Künstlers Wim Delvoye führt den Navigator in die Irre. Der "Lighthouse Keeper" von Rodney Graham verweist auf die Automatisierung, die den Beruf des Leuchtturmwärters überflüssig macht. Und schließlich zeigt auch das beklemmende Video eines Ertrinkenden von Bill Viola die Schattenseiten des Meeres.

Andere präsentierte Namen sind Dank des Anschubs durch Jan Hoet zu dem geworden, was sie heute sind. Der Russe Ilja Kabakow zum Beispiel. Er wurde mit Hoets neunter Dokumenta "groß". Ebenso wie Luc Tymans. Sein minimalistisch gemaltes Bild des Charles Lindbergh-Flugzeugs "The Spirit of Saint Louis" wechselte 1988 den Besitzer. Jan Hoet hatte es nach einem Atelierbesuch gekauft. Es war das erste von Tymans verkaufte Gemälde überhaupt. Heute sind die Werke des Antwerpener Künstlers ein Vielfaches wert. Auch Panamarenko und Michaël Borremans sind hier als bedeutende belgische Zeitgenossen mit von der Partie. Nicht zu vergessen die belgische Malerelite der Belle Epoque: Neben Fernand Khnopff und Constantin Meunier, James Ensor, Constant Permeke und Léon Spilliaert, die alle drei aus Oostende stammen. Geschickt wurde Ensors Wohn- und Atelierhaus in den Ausstellungsrundgang mit einbezogen. Seine dort überall hängenden Masken erinnern an ein Gruselkabinett. Früher schon mussten Weggefährten wie Albert Einstein für den intellektuellen Plausch zu ihm, dem Oostender Urgestein kommen, da er seine geliebte Hafenstadt nur selten verließ. Von der "Königin der Badestädte" jener Zeit ist heute nicht mehr viel übrig. Trotzdem haben selbst die Hochhaussünden der 1970er, die den Strand-Boulevard säumen, ihren Charme. Sie münden in das Thermae Palace, dem wohl vornehmsten Hotel der Stadt im Art Deko-Stil der 30er Jahre. Hier ist ein weiterer Teil der Schau zu sehen, mit Arbeiten von Hans-Peter Feldmann und Dennis Oppenheim. Und von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf den "Altar" des belgischen Konzeptkünstlers Kris Martin, in Reminiszenz an Jan Hoets Begeisterung für dieses Genter Meisterwerk der Gebrüder Van Eyck. Wie Fensterläden ist der Metallrahmen als eine exakte Kopie des berühmten Polyptychons "Lamm Gottes" in den Strand montiert, wo er Ausblick auf das gewährt, worum sich hier alles dreht: Das Meer – bei Flut, bei Ebbe, bei Sturm.

1,7 Millionen Euro hat die Schau, die zu je 50 Prozent aus musealen und privaten Leihgaben besteht, verschlungen, von den Versicherungskosten ganz zu schweigen. Herausgekommen ist nicht nur eine tiefe Ehrerbietung an das Meer, sondern zugleich eine Hommage an Jan Hoet, der wohl charismatischsten Kunstpersönlichkeit Flanderns. Als Beleg hierfür mögen die Fähnchen am Segelmast der Mercator dienen, dem früheren Ausbildungsschiff der Handelsflotte, das heute als Museumsdampfer in der Marina sein Dasein fristet. Das mit bloßem Auge kaum sichtbare Werk von Lawrence Weiner wurde mit einer schwergewichtigen Inschrift versehen: In zarten Lettern hat der Amerikaner Jan Hoet, dem Kapitän und Steuermann, einen letzten Ehrengruß mit auf den Weg gegeben: "Sail on".

Das Meer / De Zee / La Mer
Salut d´Honneur Jan Hoet, vom 25. Oktober 2014 bis 1. April 2015, MuZee + diverse Außenstellen in Oostende (Belgien)

 

Hans-Peter Feldmann, Untitled, Foto: Cornelia Ganitta
Tim Eitel, Boot, 2004, Foto: Cornelia Ganitta
Thomas Schütte, Alain Colas, 1989, Foto: Cornelia Ganitta
Gustave Courbet, La Vague 1869, Foto: Cornelia Ganitta