"Dieses Haus ist größer als wir"

Wie ein Haus zu einer jüdischen Enklave mitten im Krieg wurde
"Das Hohe Nest" bei Naarden (NL), Fotos: Jan Willem Kaldenbach

Veröffentlicht: JÜDISCHE ALLGEMEINE, 14. Mai 2020 

Ein neues Buch schildert die bewegende Geschichte zweier jüdischer Schwestern im niederländischen Widerstand - Auch ANNE FRANK kommt darin vor

Naarden (NL). „Dieses Haus ist größer als wir“, stellt Roxane van Iperen im Vorwort Ihres Buches „´t Hooge Nest“ (wörtlich: Das hohe Nest) voller Ehrfurcht fest. Passend zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Niederlande vor 80 Jahren (10. Mai 1940) und das Kriegsende vor 75 Jahren ist jetzt die deutsche Ausgabe erschienen. „Versteck unter Feinden“ heißt das Werk, das faktenbasiert bis ins Detail die Geschichte der Geschwister Brilleslijper während der NS-Zeit erzählt.

Roxane van Iperen, Juristin und Mutter dreier Kinder, beschließt 2012 mit ihrer Familie in den Speckgürtel von Amsterdam zu ziehen. Het Gooi, eine Landschaft bei Naarden, zwischen Amsterdam und Ijsselmeer, soll es werden. Die Wahl fällt auf ein großes Haus, von Bäumen verdeckt, mitten im Wald, an dessen Vorderseite ein Schild prangt: "Das Hohe Nest". Noch während der Renovierungsarbeiten entdeckt die Familie hinter Wand-Vertäfelungen und in hohlen Holzböden Kerzenstummel, Notenblätter und Widerstandszeitungen aus dem 2. Weltkrieg. Schnell wird klar, dass sich hinter diesem alten Gemäuer etwas Ungeheuerliches abgespielt haben muss. Roxane van Iperen beginnt, Nachbarn und Nachkommen zu befragen, persönliche Unterlagen, Briefwechsel und gefilmte Zeitzeugen-Aussagen zu studieren. Außerdem recherchiert sie in niederländischen und israelischen Archiven (Yad Vashem) sowie der Shoa Foundation von Steven Spielberg. Sechs Jahre später hat sie die Puzzlestücke sortiert und zu einem Ganzen zusammengefügt. Auf fast vierhundert Seiten rekonstruiert die Autorin anschaulich und ereignisreich die Geschichte des Hauses, das mitten im Krieg als jüdischer Zufluchtsort diente. Ihr besonderes Augenmerk liegt auf den damaligen Bewohnerinnen Janny (1916 bis 2003) und Lien (1912 bis 1988) Brilleslijper.  

 

Juristin und Autorin: Roxane van Iperen
´t Hooge Nest / Das hohe Nest

Untertauchen im Hohen Nest

Die beiden Schwestern wachsen in einfachen Verhältnissen im Jüdischen Viertel von Amsterdam auf und haben zunehmend unter den Repressalien gegenüber Juden zu leiden. Während Lien eine Laufbahn als Tänzerin und Sängerin einschlägt und bald schon mit dem deutschen Musiker, Kommunisten Eberhard Rebling liiert ist, wendet sich Janny nach dem Einmarsch der Deutschen dem Untergrund zu. Sie weigert sich, den Judenstern zu tragen, druckt gemeinsam mit ihrem späteren Mann Bob Flugblätter und verbreitet illegale Publikationen. Regelmäßig ist sie unterwegs, um gefälschte Pässe in Umlauf zu bringen und Lebensmittelmarken zu besorgen. Als es aufgrund ständiger Razzien zu gefährlich wird in Amsterdam, vermittelt Jan Hemelrijk vom Widerstand Janny und ihrem niederländischen Ehemann das großräumige Sommerhaus eines Geschwisterpaares in Naarden. Mitten in einem exklusiven Wohngebiet erweist sich die Villa als ideales Versteck. Kaum sind sie als offizielle Mieter im „Hohen Nest“ gelandet, holen sie den Rest der Familie nach. Nach und nach wird das Haus zu einem Hort für Menschen auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Es gelingt der Gemeinschaft fast eineinhalb Jahre unentdeckt zu bleiben, trotz ständiger Angst aufzufliegen. Immerhin leben sie in Nachbarschaft von Nazi-Größen wie dem niederländischen „Führer“ Anton Mussert, der in Naarden ein Liebesnest unterhält. Selbst das kulturelle Leben findet zu neuer Blüte: Im Schutz der isolierten Lage wird auf dem Höhepunkt der Judenhatz 1943 jiddisch gesungen, musiziert und rezitiert. Immer wieder geben sich hier Geflüchtete die Klinke in die Hand. Am Ende sind es siebzehn Personen, die den harten Kern des Hauses bilden. Jaap, der jüngere Bruder von Janny und Lien erweist sich dabei als genialer Erfinder und Handwerker. So installiert er ein Warnsystem aus kleinen Lämpchen in jedem Zimmer, die per Kabel mit einem Knopf neben der Haustür verbunden werden und bei Gefahr bedient werden können. Außerdem konstruiert er ein Radio, mit dem sie BBC-Nachrichten hören, in der stetigen Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei sei. Schließlich ist auch er es, der die Luken in den Böden anlegt. Zig Mal proben die Bewohner, sich im Ernstfall binnen 30 Sekunden hierin unsichtbar zu machen.

Letzter Beistand für Anne und Margot Frank

Doch vor Verrat schützen selbst solche Vorkehrungen nicht. Und so werden sie im Sommer 1944, als das Land offiziell schon als „judenrein“ gilt von einer unter Druck gesetzten Informantin an einen „Judenjäger“ des NSB (niederländische Nationalsozialisten) verraten. Es gelingt den Schwestern noch, ihre Kinder in die Obhut einer ortsansässigen Arztfamilie zu geben, danach folgen tagelange Verhöre bei der Amsterdamer Sicherheitspolizei und der Transport nach Westerbork, dem niederländischen Durchgangslager Richtung Osten. Über diese 1939 ursprünglich für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland eingerichtete Auffangstation, werden sie schließlich am 3. September mit dem letzten Zug nach Auschwitz und Bergen-Belsen deportiert. Dort treffen sie auf Margot und Anne Frank, denen Janny später bis zu ihrem Tod an Fleckfieber im Februar 1945 zur Seite steht.

Janny und Bob Brandes, ca. 1956, Privatarchiv Rob Brandes

Am Ende des Krieges werden es 107 000 sein, rund Dreiviertel der niederländischen Juden, die in die Vernichtungslager verbracht wurden. Nur 5000 von ihnen kehrten zurück. Darunter, mit viel Glück und eisernem Willen, Janny und Lien, deren Eltern und Bruder in Auschwitz ermordet wurden. Nach dem Krieg war es Janny, die mit Hilfe des Roten Kreuzes Otto Frank ausfindig machte, um ihm die Todesnachricht seiner Kinder zu überbringen. Während Lien mit ihrem Mann – ihrer kommunistischen Ideale wegen – in den 1950er Jahren nach Ostdeutschland übersiedelte, wo sie als Lien Jadalti als Sängerin auftritt, begann für Janny und Bob Brandes-Brilleslijper ein neues Leben in ihrer Heimatstadt Amsterdam. Einmal befragt über ihr mutiges Handeln während der Nazi-Zeit, antwortete Janny wie selbstverständlich: „Wir haben getan, was wir tun mussten, was wir tun konnten. Nicht mehr und nicht weniger.“

Roxane van Iperen, „Ein Versteck unter Feinden“, übersetzt von Stefan Wieczorek, erschienen im April 2020 bei Hoffmann und Campe, Hamburg, ISBN 978-3-455-00645-2, 24,- Euro.

 

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